ALTENKUNSTADT

Als Kloster-Ministrant in Altenkunstadt täglich im Dienst

Als Kloster-Ministrant in Altenkunstadt täglich im Dienst
Einweihung des Erweiterungsbaus der Altenkunstadter Schule am 23. November 1963 durch Geistlichen Rat Georg Lang. Foto: Andreas Motschmann

Anfang dieses Jahres wurden in einem OT-Bericht sechs neue Ministrantinnen in Altenkunstadt vorgestellt. Kein einziger Junge, nur Mädchen: vor 50 Jahren unvorstellbar. Daher ein Blick zurück auf das Ministranten-Leben vor über 50 Jahren. Unser Mitarbeiter Andreas Motschmann erinnert sich:

Sehr viel Zeit in meiner Kindheit habe ich in der Kirche als Ministrant verbracht. In den Altardienst aufgenommen wurde ich nach der Erstkommunion 1966 in der Pfarrkirche. Ich musste in den ersten Jahren das Schuldbekenntnis nach dem alten Ritus auf Lateinisch sprechen. Natürlich konnten fast alle nicht den gesamten Text auf Lateinisch auswendig. So benutzten wir einen Trick: die ersten beiden Strophen konnten wir und begannen mit „Confiteor Deo omnipotenti.“ Danach allgemeines Gemurmel und dazwischen laut „mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.“ Den Schlussvers: „... orare pro me ad Dominum, Deum nostrum“ schafften wir wieder auf Lateinisch.

Weiße Brauthandschuhe am Fronleichnamstag

Als Kloster-Ministrant in Altenkunstadt täglich im Dienst
Ministranteneinsatz mit weißen Handschuhen am Weißen Sonntag 1967, darunter der Autor (Mitte rechts). Foto: Andreas Motschmann

Feiertage, speziell wenn es dabei aus der Kirche hinaus ging, waren besondere Ereignisse. Am Fronleichnamstag und am Weißen Sonntag mussten alle Ministranten weiße Handschuhe tragen. Da wir zuhause nicht genug hatten, bekam mein Bruder Georg die weißen Brauthandschuhe von unserer Mutter angezogen. Ein weiterer Höhepunkt war die Kurzwallfahrt beim Flurumgang. An diesem Tag wallten wir nach Pfaffendorf. Die Ministranten mit wehenden Fahnen durften stolz Verkehrspolizei auf der Staatsstraße spielen; sie hielten die Fahnen quer, der Verkehr stand still. An solchen besonderen Anlässen zeigte sich die Rangordnung unter den Ministranten. Ein Blick auf den Wochenplan zeigte dies an: Wer durfte das Weihrauchfass schwenken, wer die Fahnen tragen? Das Vorrecht hatte der Oberministrant. So weit habe ich es auf der Karriereleiter niemals gebracht.

Mit Ohrenschützern auf dem Friedhof und Ratschen auf dem Kirchturm

Prägend waren die Beerdigungen; ich erlebte das Leid. Besonders, wenn ein Kind zu Grabe getragen wurde. Hinzu kamen im Winter die eisigen Temperaturen auf dem Friedhof. Statt einer Mütze trug ich Ohrenschützer und, um das Kreuz zu tragen, Handschuhe.

In den ersten Jahren durfte ich zwischen Gründonnerstag und Karsamstag beim Ratschen dabei sein. Wir Ministranten gingen nicht die Straßen entlang, wie heute noch in vielen Dörfern, sondern stiegen im Kirchturm hoch. Das war für einen jungen Ministranten unheimlich; die alte Treppe hochsteigen und von dort die Ratschen bedienen.

Erstes Mädchen als Ministrantin wider Willen

Als Kloster-Ministrant in Altenkunstadt täglich im Dienst
Ministrantenausflug im August 1972 mit Besuch des Olympiageländes in München. Hinten links: Betreuer Josef Motschmann. Foto: Andreas Motschmann

Vor etwa 55 Jahren, an einem Sonntagnachmittag, musste ich an der Andacht ministrieren. Da wiederholt der zweite Ministrant kurz vor 14 Uhr fehlte, wurde unser alter Pfarrer Lang (1953 bis 1969 im Amt) ungeduldig. Aus Ungeduld wurde Wut. Er kam mit erregtem Kopf aus der Sakristei. Da kein weiterer Junge in der Kirchenbank war, holte er aus der Mädchenreihe ein verdutztes Mädchen. Sie musste ohne Ministrantenkleidung mit weißem Kleid als Messdienerin fungieren. Mit diesem Kurzeinsatz brach der Pfarrer ein Ritual; Ministrantinnen wurden erst ab den 1990-er Jahren zur Gewohnheit.

Am nächsten Tag nach der Messe gab es in der Schule Nachwirkungen: Die Ministrantin wider Willen Monika S. war meine Klassenkameradin. Ihr Einsatz hatte sich schnell herumgesprochen. Kleine Sticheleien und die Frage, ob ich jetzt mit ihr befreundet wäre, blieben nicht aus. Grundsätzlich ging es in den Zeiten mit Pfarrer Lang in der Sakristei lebhaft zu. Zum Glück sorgte Messner Heiner Dorsch mit seiner Gelassenheit für den notwendigen Ausgleich.

Zigaretten kaufen während des Religionsunterrichts

Mein Bruder Georg und ich hatten eine spezielle Aufgabe. Nachdem Geistlicher Rat Georg Lang in den Ruhestand gegangen war, wohnte er im Kloster der Klosterstraße. Dort war eine Hauskapelle. Ein Kloster-Ministrant wurde gesucht. Da unsere Familie nur ein paar Häuser entfernt wohnte, bekam mein Bruder für ein paar Jahre diese Aufgabe. Neben dem täglichen Ministrieren hatte er zusätzliche Aufgaben. Er musste nach dem Gottesdienst am Sonntag die Brötchen einkaufen, denn die Klosterschwestern frühstückten anschließend mit „Hochwürden.“

Georgs Sonderrolle hatte Auswirkung auf den Religionsunterricht. Einmal nahm Pfarrer Lang ihn zur Seite und sagte, er solle bei der Fränzi (Laden am Marktplatz) am Automaten zwei Schachteln Zigaretten holen. Er war somit vorübergehend vom Religionsunterricht befreit. Als er die Volksschule beendete, wurde dieses Amt direkt in der Familie weiter übertragen.

Als Kloster-Ministrant vier Jahre „durchministriert“

Kloster-Ministrant war ich vier Jahre lang, bis ich aus der Volksschule kam. Vier Jahre lang jeden Tag ministrieren, egal ob Werktag oder Sonntag, ob Schultag oder Ferientag, ohne Ausnahme: Das war eine prägende Zeit. Ich wurde in dieser Zeit niemals krank. Ich habe tatsächlich vier Jahre „durchministriert.“ An den Werktagen war die heilige Messe um 7 Uhr, am Sonntag um 9.30 Uhr. Über die Monate und Jahre ging mir der tägliche Ablauf in „Fleisch und Blut“ über, alles lief automatisch ab. Ich war fünf Minuten vorher in der Kapelle, half mit der Klosterschwester dem Priester beim Einkleiden. Während der Messe das Läuten der Glocke. Wenn ich am Altar Wein und Wasser brachte, drehte ich leicht meinen Blick und zählte die wenigen Besucher. Am Sonntag waren es mehr, ich musste genauer zählen.

Ministranten-Ausflüge als bleibende Erinnerungen

Trotz dieser Sonderrolle als Kloster-Ministrant war ich in der Ministrantengemeinschaft integriert. Mit dem neuen Pfarrer Dechant (1970 bis 1993) gab es positive Veränderungen. So standen Ministranten-Ausflüge an. An den letzten im August 1972 erinnere ich mich noch. Wir fuhren nach Tirol, besuchten Salzburg und auf dem Rückweg das Olympiagelände in München. Als ich aus der Schule kam, versuchte ich erst einmal Abstand zu nehmen und besuchte nur noch die sonntägliche Messe.

Das Ministranten-Leben hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. In vielen Kirchen am Obermain sind Ministrantinnen in der Mehrheit. Sicher werden sich einige männliche Leser an ähnliche Erlebnisse aus ihrer Ministrantenzeit erinnern. Der Pfarrgemeinderat oder das katholische Casino könnte das Thema aufgreifen und dazu die ehemaligen Ministranten, die älter als 60 oder 70 sind, zum Austausch ihrer Erinnerungen und Anekdoten einladen.

 

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