BAMBERG

Sprachrohr für ein buntes Franken

Gegen Rechtsextreme: Auch in Gräfenberg setzen sich Bürgerinnen und Bürgern für eine bunte Gesellschaft ein. Foto: Nikolaus Fischer

Bewaffneter Krieg gegen eine pluralistische Gesellschaft, das ist für Michael Helmbrecht rechte Gewalt. Er hat sie am eigenen Leib erfahren. 2011 verübten Unbekannte einen Buttersäureanschlag auf sein Haus, zerstachen die Reifen an seinem Auto, schlugen die Scheiben ein. Im Internet auf der Homepage „Freies Netz Süd“ haben sie die Tat gefeiert – als „Kristallnacht“ für den „Anti-Rechts-Sprecher“.

Abbringen lässt er sich dadurch nicht von seinem Engagement. Ehrenamtlich ist Helmbrecht als Vorsitzender der „Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg“ tätig und gibt dem Feindbild damit ein Gesicht. Mittlerweile rund 140 Städte, Gemeinden und 120 weitere Initiativen haben sich zusammengeschlossen. 2009 wurde das Bündnis ins Leben gerufen als Antwort auf Flugblattverteilungen, Aufmärsche und Auftritte rechtsextremer Vereinigungen, beispielsweise in Wunsiedel, Gräfenberg, Warmensteinach und Nürnberg.

Auch aufgrund seiner Vergangenheit als Sprecher des Gräfenberger Bürgerforums ist Helmbrecht ins Visier der Rechten geraten. Als Verantwortlicher des Gräfenberger Bürgerforums hatte er immer wieder den Widerstand gegen Aufmärsche von Neonazis organisiert. Rechtsradikale pilgerten wegen des dortigen Kriegerdenkmals jahrelang in die Kleinstadt bei Forchheim.

„Ich weigere mich, das Phänomen Rechtsextremismus einfach hinzunehmen.“
Michael Helmbrecht, Allianz gegen Rechtsextremismus

„Macht doch nichts, sind doch nicht so viele“, sei das immer wieder bemühte Argument, gegen das er angeht. Von „aktivem Wegsehen“ spricht er, wenn Menschen versuchen, das Problem als nichtig abzutun. Doch Ignorieren und Kleinreden sei der falsche Weg.

In einem öffentlichen Vortrag „Rechtsextremismus – Phänomen und Gegenstrategien“ hat der Rechtsextremismus-Experte an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg darum jüngst Einblicke gegeben. „Die Welt ist bunt und soll es bleiben.“ Unter diesem Leitsatz diskutierten die Studierenden bereits in den vergangenen Wochen in einem Seminar, inwieweit die Sozialpädagogik zur Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus beitragen kann und muss. Dr. Susanne Bott vom Lehrstuhl für Sozialpädagogik leitet das Seminar über „Gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit – Herausforderungen für die Sozialpädagogik mit Kindern und Jugendlichen“.

Sie hat den Referent eingeladen, um das Thema zu vertiefen und auch Interessierte fernab des Seminars einzubinden. Auch Helmbrecht ist Sozialpädagoge. Der Hochschuldozent lehrt an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg Soziale Arbeit. In seinem Vortrag geht er auch darauf ein, wie Rechte versuchen, über Kinder und Jugendliche Meinung zu machen. Sportvereine werden unterwandert von rechtsextremen Trainern oder die so genannten Schulhof-CDs verteilt.

Sozialpädagogen müssten demgegenüber sensibel und aufmerksam sein. Doch Helmbrechts Appell richtet sich an alle. Nicht nur Staat und Polizei seien gefragt. Er sieht jeden Einzelnen in der Pflicht, hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen. Die NSU-Mordserie sieht er als den wohl grausamsten Beweis, dass Rechtsextremismus nicht totgeschwiegen werden kann, kein Randphänomen, sondern bittere Realität ist. Helmbrecht spricht von einer hochaktiven Szene in Franken.

Helmbrecht unterscheidet die Stiefel- und Krawattenfraktion, also jene, die auf der Straße kämpfen, sich in Kameradschaften organisieren und jene, die in Parteien und rechten Verbänden aktiv sind. Er schätzt die Zahl rechter Aktivisten in Bayern auf etwa 2600, davon seien zirka 1000 gewaltbereit. Doch die braune Gefahr in Zahlen zu fassen, ist schwer. Oft beginnen Rassismus und Rechtsextremismus im Alltag.

Jeder ist gefragt

Genau darum sieht es der Sozialpädagoge als so notwendig an, weiterzumachen. Er will aufklären und Augen öffnen. Denn immerhin hat es sich in Städten wie Gräfenberg gezeigt: Wenn eine breite Masse mitzieht und sich die Bürger gemeinsam gegen Rechtsextremisten stark machen, ist vieles möglich.

Ob er an eine nazifreie Welt glaubt, fragt ein Student am Ende des Vortrags. Für Helmbrecht wäre das noch utopisch. Dennoch: „Ich weigere mich, das Phänomen Rechtsextremismus deswegen einfach hinzunehmen.“