„Der Aufstieg muss unser Ziel sein“

Ein tolles Comeback feierte Eigengewächs Leon Raps (li.). Nach langer Verletzungspause gewann er in der Bayernliga alle ... Foto: Christian Voll

Eine neue Zeitrechnung brach vor einem Jahr beim AC Lichtenfels an: Nach sechsjähriger Zugehörigkeit zog sich der Ringerverein aus der Korbstadt aus finanziellen Gründen aus der 1. Bundesliga zurück. Neuanfang in der Bayernliga. Dieser brachte jedoch nicht den erhofften sofortigen Aufstieg in die Oberliga Bayern.

Über die abgelaufene Saison und die Zukunftsausrichtung des rund 400 Mitglieder starken Sportvereins sprachen wir mit Vorsitzendem Oliver Dürr und seinem Stellvertreter Stefan Mehl. Der 39-jährige Finanzmakler und der 56 Jahre alte Unternehmensberater gaben sich dabei sehr auskunftsfreudig.

Frage: Der AC Lichtenfels ging als großer Favorit in die Saison der Ringer-Bayernliga. Der Meisterschaftsgewinn und der Aufstieg in die Oberliga Bayern waren auch das erklärte Ziel der Vereinsführung. Sind die Vizemeisterschaft und damit verbunden der Nicht-Aufstieg als Enttäuschung anzusehen?

Stefan Mehl: Ja, schon! Der Aufstieg war natürlich unsere Erwartungshaltung. Dass es nicht so einfach werden würde, wie mancher gedacht hatte, sei 'mal dahingestellt. Man muss aber klar sagen: Wir waren am Ende enttäuscht!

Warum hat es nicht geklappt?

Mehl: Es ist ja nicht nur so, dass es mit Au einen überraschend starken Gegner für uns gegeben hat. Es waren auch Dinge dabei, die wir uns selbst auf die Fahnen schreiben müssen.

Oliver Dürr: Die Auer hatten einen entscheidenden Vorteil. Eine Woche vor Meldeschluss haben sie einen Afghanen, einen Flüchtling, präsentiert, der absolut top ist. Dieser Ringer blieb unbesiegt, hat immer die vollen vier Punkte erzielt und meiner Meinung nach entscheidend dazu beigetragen, dass die Auer Meister geworden sind. Ohne den hätten die wohl ein, zwei Kämpfe verloren – auch einen gegen uns.

Wir hatten natürlich auch viel Verletzungspech. Wir hatten zum Beispiel in der 86-Kilo-Klasse den Christian Merkel und als Back-up den Sergej Einik. Merkel hat sich im zweiten Kampf sehr verletzt, Einik im dritten. So mussten wir Ringer aus der „Zweiten“ aufstellen, die keine Chance auf einen Sieg hatten. Dann fiel auch der „Tobi“ Schütz noch einige Kämpfe aus.

War es aber nicht auch so, dass die vier ehemaligen Bundesliga-Ringer Venelin Venkov, Krum Chuchorov, Rumen Savchev und Tobias Schütz so manche überraschende Niederlage einstecken mussten?

Mehl: Diese Verletzungsmisere hat beim Verpassen des Ziels gewiss eine Rolle gespielt. Aber man muss fairerweise zugeben, dass manchmal auch der Gegner unterschätzt wurde. Da geht der eine oder andere Ringer auf die Matte und hat im Kopf schon gewonnen. Da hatten wir tatsächlich drei oder vier solche Kämpfe. So hat sogar der Venelin Venkov einmal auf Schulter verloren. Oder hat der Tobias Schütz beim Kampf in Au zur Pause mit 8:0 geführt und unterliegt in der zweiten Runde auf Schulter gegen einen Gegner, der sicher nicht besser war als er. Dies in Verbindung mit den Verletzungssorgen hat dazu geführt, dass die Auswärtskämpfe in Au und Unterföhring verloren gegangen sind, die wir nicht hätten verlieren müssen.

Dürr: Zusammengefasst waren es vier Punkte, die uns Meisterschaft und Aufstieg gekostet haben: dass Au personell noch einmal nachlegen konnte, unsere Verletzungsmisere, die eine oder andere strittige Schiedsrichterentscheidung wie der angebliche Kopfstoß vom „Tobi“ Schütz in Unterföhring und natürlich auch eigenes Unvermögen.

Herrscht jetzt im Verein so etwas wie eine „Jetzt erst recht“-Mentalität mit einem erneuten Versuch, den Aufstieg zu schaffen?

Mehl: Ja, das kann man schon so sagen. Wir haben uns alle darauf verständigt: Wir wollen aufsteigen! Das muss das Ziel sein für den Verein. Der ACL hat viele Jahre lang in der Oberliga gerungen. Und da gehört er aus unserer Sicht auch wieder hin.

Dürr: Die Oberliga ist die höchste Amateurklasse. Dort war der ACL Jahrzehnte lang, weshalb es unser gestecktes Ziel ist, dorthin wieder aufzusteigen.

Was ist nötig bzw. was muss sich ändern, damit der Titelgewinn im zweiten Anlauf gelingt?

Mehl: Den Kader breiter aufstellen, ist ein Punkt. Der zweite Punkt ist, mit jedem einzelnen Ringer sprechen, ob er unser Ziel auch mitträgt. Dass ihm bewusst ist, wenn ich meinen Kampf verliere, kann das für den gesamten Wettkampf entscheidend sein. Jedes einzelne Duell ist wichtig, das muss sich jeder Ringer klar machen. Was uns optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass wir seit Jahren nicht mehr so einen guten Teamgeist in der Mannschaft hatten. Die Mannschaft ist sehr viel stärker zusammengewachsen, nachdem der Teamgeist in den letzten Bundesliga-Jahren ein Stück weit verloren gegangen war.

Kader breiter aufstellen, schön und gut. Jetzt wachsen die Ringer ja aber nicht einfach so auf den Bäumen.

Dürr: Es gibt drei Möglichkeiten, neue Ringer zu bekommen. So kann man auf die eigene Jugendarbeit setzen. Das ist unser primäres Ziel, um in drei, vier oder fünf Jahren wieder mehr Ringer aus Lichtenfels und Umgebung in die erste Mannschaft zu bringen. Wir haben momentan einen Zulauf von etwa 30 Kindern. Das ist erfreulich! Zweitens kann man versuchen, deutsche Ringer von anderen Vereinen zu erhalten. Und drittens kann man die Suche auf ausländische Ringer ausdehnen. Kurzfristig muss man sehen, aus den Möglichkeiten zwei und drei Verstärkungen zu generieren.

Was natürlich direkt zusammenhängt mit den finanziellen Möglichkeiten des ACL. Wie sieht es da aus?

Mehl: Wir haben die Finanzen inzwischen soweit in Ordnung gebracht, dass wir für die kommende Saison wieder auf einem soliden finanziellen Fundament aufbauen können. Wir müssen uns zudem um unsere Sponsoren kümmern, von denen so mancher angedeutet hat, dass er sich auf Dauer in der Bayernliga nicht so engagieren will wie noch in der Bundesliga. Die haben natürlich auch eine gewisse Erwartungshaltung.

Das heißt, allein schon der Sponsoren wegen ist der ACL zum Aufstieg in die bayerische Oberliga verpflichtet.

Mehl: Natürlich wollen sie Erfolg sehen, der wiederum mehr Beachtung in der Öffentlichkeit nach sich zieht. Immerhin haben wir die Finanzen konsolidiert. Waren doch die in den vergangenen zwei Jahren einige Altlasten aufgetaucht, die wir erst bewältigen mussten.

Kann man eine Größenordnung nennen?

Mehl: Das war ein mittlerer fünfstelliger Betrag.

Wie kam das?

Dürr: Das waren zum einen Umsatzsteuernachzahlungen. Da stehen halt irgendwann 'mal Prüfungen an, die über mehrere Jahre zurückreichen. Zum anderen mussten wir eine Strafe an den Verband bezahlen für den Rückzug aus der Bundesliga, der uns viele tausend Euro gekostet hat.

Da wir gerade vom finanziellen Fundament sprechen. Wie war der Zuschauerzuspruch in der Bayernliga?

Dürr: Der war in unseren Augen sehr ordentlich. Unsere Zuschauer sind weitgehend den Schritt zurück in die Bayernliga mitgegangen. Die breite Masse hat ihn mitgetragen und sich darüber gefreut, wieder mehr regionale Ringer kämpfen zu sehen. Außerdem sind es schönere Kämpfe, da in der Bayernliga nicht so viel taktiert wird wie in der Bundesliga. Auch die Gesamtkampfverläufe sind spannender. In der Bundesliga konnte man sich mitunter ja vorher schon ausrechnen, mit welchem Ergebnis der Kampf endet.

Mehl: In Zahlen ausgedrückt kann man sagen, wir hatten einen Schnitt von 250 Besuchern, in der Spitze sogar von 400. Da hatten wir mit einem deutlicheren Rückgang gerechnet. Wir müssen sehen, ob das so bleibt. Weshalb wir uns bereits Gedanken gemacht haben, wie wir das Rahmenprogramm hin zu einem Event verbessern können. Die Handballer vom HSC Coburg machen es uns zum Beispiel vor mit Verlosungen, „meet and greet“ und dergleichen. Gute Ideen gibt es da jede Menge. Wir müssen aber auch genügend Leute haben, die so etwas organisieren bzw. finanzieren.

Kommen wir wieder zum Sportlichen. Sind schon Änderungen im Kader bekannt, also Neuverpflichtungen bzw. Abgänge?

Dürr: Wir können zumindest sagen, dass es keinen Abgang gibt. Die Mannschaft bleibt zusammen, keiner verlässt den Verein. In der „Zweiten“ hat Rainer Weinberger seine Karriere beendet. Auch den „Toni“ Geogiev mit seinen inzwischen 48 Jahren haben wir verabschiedet. Hinsichtlich Neuzugängen ist noch nichts definitiv. Noch ist nichts unterschrieben.

Mehl: Mit einem Halb- bzw. Schwergewichtler sind wir kurz vor dem Vertragsabschluss.

Dürr (schmunzelt): Wir können zumindest sagen: Er wiegt 103 Kilo.

Am anderen Ende der Gewichtsskala gab's ja auch Probleme, weil Mario Petrov zwar willig, aber noch zu unerfahren war.

Mehl: Wir sind intensiv auf der Suche, um noch jemand für den Bereich 57 und 61 Kilo zu finden. Mario ist mit seinen 16 Jahren halt noch etwas unerfahren. Immerhin hat er jetzt im Jugendbereich bei der bayerischen Meisterschaft gewonnen. Wir wollen ihm die Zeit zum Entwickeln geben.

Dürr: Der Mario hat ja teilweise mit nur 53 Kilo gerungen. Das ist anstrengend.

Bleibt Ali Hadidi der Trainer?

Dürr: Ja! Dem Ali hat es vergangene Saison sehr viel Spaß gemacht. Auch, weil er gesehen hat, wie sich der Teamgeist entwickelt hat.

Mehl: Natürlich war auch er über den verpassten Aufstieg enttäuscht. Aber er ist einfach mit Leidenschaft dabei.

Und die „Zweite“?

Dürr: Die machen künftig der Philipp Schütz und der Rainer Weinberger.

Mehl: Apropos „Zweite“. Wir haben vor ein paar Tagen die Info erhalten, dass unsere zweite Mannschaft nachträglich in die Gruppenoberliga aufsteigen darf.

Der Rückzug des AC Lichtenfels aus der 1. Bundesliga scheint der richtige Schritt gewesen zu sein, wenn man sieht, dass sich die Bundesliga allmählich selbst „auffrisst“. Ich meine da zum einen die drei weiteren Rückzüge von Luckenwalde, Schriesheim und Mömbris-Königshofen, zum anderen, dass der Titel nach den Dopingfällen in Nendingen nun vom Sportgericht vergeben wird. Hat die 1. Ringer-Bundesliga überhaupt noch eine Zukunft?

Mehl: In meinen Augen in dieser Form nicht mehr. Schon vor unserem Rückzug hat vor allem unser Stefan Heinlein mit ein paar Funktionären anderer Vereine versucht, ein paar Neuerungen zu platzieren. Das ist jedoch an der Sturheit der Verbandsfunktionäre gescheitert. Wenn jetzt sogar Traditionsvereine ihre Mannschaft zurückziehen, glaube ich nicht, dass das Ganze in dieser Form noch länger als zwei Jahre Bestand hat. Das Nächste ist, dass der Deutsche Ringerbund beschlossen hat, den Finalkampf um die deutsche Meisterschaft an neutraler Stätte in Aschaffenburg stattfinden zu lassen. Wodurch beide Finalvereine einen riesigen Einnahmeausfall haben. Das ist doch alles ein nicht ausgegorener Aktionismus. Ich bin mir sicher, dass einige Vereine die kommende Saison auch nicht mehr überleben.

Ist vor diesem Hintergrund das ACL-Langfristziel „2. Bundesliga“ überhaupt noch erstrebenswert?

Mehl: Ja, schon. Wobei die 2. Bundesliga kaum unverändert bleiben kann, wenn die 1. Bundesliga an die Wand gefahren worden ist.

Dürr: Eine feine Geschichte wäre, eine Art Bundesländer-Liga zu machen. Die Meister und Zweiten dieser Ligen würden sich dann für die Playoffs um die deutsche Meisterschaft qualifizieren. So hätte man beispielsweise in einer bayerischen Liga mehr Derbys, mehr Traditionsvereine und nicht so weite Fahrten. Man könnte die Saison dadurch mit einem kleineren Etat durchringen.

Mehl: Dieser Vorschlag ist seit geraumer Zeit auf dem Tisch. Doch hat sich im Präsidium des DRB damit scheinbar keiner ernsthaft auseinandergesetzt.

Leistungsbilanz

Venelin Venkov 13/12/1 39

Krum Chuchorov 13/11/2 39

Rumen Savchev 14/11/3 26

Christoph Meixner 13/9/4 21

Tobias Schütz 11/9/2 19

Johannes Lurz 14/8/6 13

Leon Raps 4/4/0 12

Niklas Zillig 1/1/0 4

Christian Lurz 3/2/1 3

Sergej Einik 2/2/0 3

Jan Ahlsdorf 2/1/1 0

Christian Merkel 6/3/3 -2

Sebastian Reuther 9/4/5 -4

Rudi Hofmann 1/0/1 -4

Marius Geuß 1/0/1 -4

Tobias Wagner 1/0/1 -4

Arthur Schwarz 1/0/1 -4

Dominik Sohn 3/1/2 -5

Rainer Weinberger 4/1/3 -8

Michael Schwarz 2/0/2 -8

Daniel Luptowicz 8/2/6 -10

Mario Petrov 13/1/12 -46

Die Zahlen nach den Namen bedeuten: Einsätze/Siege/Niederlagen sowie Punktverhältnis.

Verstehen und ergänzen sich prima: ACL-Vorsitzender Oliver Dürr (re.) und sein Stellvertreter Stefan Mehl. Foto: Frank Gorille