Ernüchterung und Erleichterung zugleich

Stefan Heinlein: Der Vorsitzende ist froh über den Rückzug aus der Bundesliga. Foto: Frank Gorille

Sechs Jahre lang war der AC Lichtenfels Mitglied im Kreis der Ringer-Bundesligisten. Und er wäre es auch weiterhin. Wenn er es denn wollte. Sportlich dürfte die Mannschaft von Trainer Ali Hadidi noch immer in der höchsten Liga ringen. Doch haben die Verantwortlichen in Anbetracht der immer größer werdenden Leistungsunterschiede in der Bundesliga die Reißleine gezogen und den Rückzug aus dieser erklärt. Aufgrund der Statuten des Deutschen Ringerbundes (DRB) darf der ACL in der kommenden Saison aber nicht in der 2. Bundesliga antreten, sondern muss den Platz seiner zweiten Mannschaft in der Bayernliga einnehmen.

Was dies für das Lichtenfelser Aushängeschild im Sportbereich bedeutet, wollten wir in einem ausführlichen Gespräch mit Vorsitzendem Stefan Heinlein, Mannschaftsführer Heiko Scherer (zusammen mit Kevin Tischer) und Stefan Mehl, dem Geschäftsführer der ACL Sport GmbH (zusammen mit Oliver Dürr), wissen.

Frage: Was gab den Ausschlag für die doch weitreichende Entscheidung?

Stefan Mehl: Es sind mehrere Gründe. Der wesentlichste ist der, dass die Entwicklung in der Bundesliga immer mehr hin zum professionellen Sport führt, was natürlich Konsequenzen mit sich bringt. Das heißt, zum einen steigen die finanziellen Aufwände. Die guten Sportler fordern und bekommen auch mehr Geld von den finanzstarken Vereinen. Zum anderen steigen die organisatorischen Aufwände, weil man immer größere Kader braucht, um noch einigermaßen vernünftig mitzumischen.

Wenn man sich nur anschaut, welche Kader Weingarten oder Nendingen aufbieten, ist das locker das doppelte oder gar dreifache an Personal im Vergleich zum AC Lichtenfels. Das muss man nicht nur bezahlen, sondern auch organisatorisch bewältigen. Sprich die gesamte Logistik. Die Leute müssen kommen, müssen irgendwie untergebracht werden, benötigen Trainingsmöglichkeiten bis hin zum Rundumprogramm mit Arzt, Masseur und Physiotherapeut. Das ist alles wichtig. Und irgendwann muss man sich überlegen: Kann man das alles überhaupt noch? Wir haben zwar viele treue Helfer. Der ACL ist aber auch ein relativ kleiner Verein, der in diesem Punkt an seine Grenzen stößt. Wir haben hier im Verein lupenreine Amateure – zumindest im Organisationsbereich. Diese nötigen professionellen Strukturen lassen sich von uns nicht mehr in ausreichender Form realisieren.

Unseren Informationen zu Folge sollen auch die nicht mehr so üppig fließenden Sponsorengelder ein Grund gewesen sein. Auch erkennbar an manchen nicht mehr mit Werbelogos bestückten Schaumstoffbanden rund um die Matte.

Mehl: Es stimmt, einige Sponsoren haben sich zurückgezogen. Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder festgestellt, dass die finanziellen Mittel gerade so ausreichen. Wenn überhaupt. Mit anderen Worten: Ohne zusätzliche Einnahmequellen wäre der Bundesliga-Betrieb nicht mehr zu verantworten gewesen. Denn der Verein hat zu einem gewissen Grad auch darunter gelitten, dass eine Bundesliga-Mannschaft finanziert werden muss.

Stefan Heinlein: Ich stimme mit den Aussagen von Stefan voll überein. Gewiss, sechs Jahre Bundesliga sind eine lange Zeit. In der die Gelder aber immer weniger geworden sind. Wir bräuchten, um weiterhin einen Bundesliga-Verein vernünftig führen zu können, meiner Meinung nach zwischen 50 000 und 100 000 Euro mehr an Sponsoreneinnahmen. Also zu den bisherigen hinzu. Denn wir hatten in der vergangenen Saison ein Minimum an Ringern. Wenn jemand verletzt ausfiel, hatten wir keine adäquaten Ersatz. Hier werden die Anforderungen in den kommenden Jahren eher noch größer. Hinzu kommen die gesetzlichen Auflagen. Ich sage da nur Mindestlohn. Die Vorschriften hierzu müssen erst bewältigt werden. Nicht nur vom Papierkram her, sondern auch organisatorisch. Und das ist mit unserer aktuellen Mannschaft – ich meine die Vereinsführung – nicht mehr zu bewältigen.

Wie ist die Stimmungslage? Mehr Erleichterung oder mehr Enttäuschung?

Heinlein: Von meiner Seite aus kann ich sagen: Enttäuschung nein! Ich bin froh darüber, dass wir zurückgegangen sind.

Mehl: Ich sehe es genauso. Obwohl es bei mir schon eine Mischung aus Ernüchterung und Erleichterung ist. Als wir vier Neuen bei den Mannschaftsführern und der Sport GmbH Anfang des vergangenen Jahres in unseren Ämtern angetreten sind, war unser Ziel eigentlich, das Ganze nach vorne zu entwickeln. Wir wollten dafür sorgen, dass sich der ACL in der oberen Bundesliga-Tabellenhälfte etablieren kann. Das ist nach und nach der Ernüchterung gewichen, dass unsere Möglichkeiten doch sehr begrenzt sind. Inzwischen sage auch ich: Lieber bauen wir komplett neu auf und nehmen uns dafür zwei, drei Jahre Zeit.

Spielt da auch die sportliche Bilanz mit nur zwei Siegen in 14 Kämpfen hinein?

Heinlein: Ja, denn zuletzt sind die Kämpfe planbar geworden. Mit Mannschaften wie Köllerbach, Mömbris oder Mainz können wir uns einfach nicht messen. So etwas mag man auch den Zuschauern nicht zumuten. Oder die Mannschaften der Süd-Staffel. Gegen wen sollten wir da gewinnen? Die haben Etats von 200 000 Euro plus x bis hin zu 500 000 von Nendingen. Da kann der ACL mit einem Etat von 120 000 Euro nicht konkurrieren. Das geht nicht.

Wie waren die Reaktionen der Mitglieder in den Tagen nach Bekanntgabe der Entscheidung?

Heiko Scherer: Durchwegs positiv. Viele haben schon während der Saison den Wunsch geäußert, wir müssten zurückgehen. Natürlich gibt es noch einzelne, die Spitzensport sehen wollen. Aber ob das bei uns noch Spitzensport war, wenn man ständig verliert? Ich sag' 'mal, zu 90 Prozent gehen die Fans diesen Schritt mit. Die meisten sind froh über „back to the roots“. Wie die Zuschauerzahlen künftig aussehen, wird man sehen. Ich denke, wenn wir in der Bayernliga vorne mitringen, kommen die Leute.

Bleiben die bisherigen Strukturen mit der ACL Sport GmbH und dem Verein AC Lichtenfels erhalten oder wird auch die Arbeit im Umfeld von Bundes- auf Bayernliga-Niveau heruntergefahren?

Heinlein: Ob wir die ACL Sport GmbH noch brauchen oder sie stillgelegt wird, um sie in der Zukunft vielleicht wieder zu reaktivieren, ist auch eine Sache von steuerlichen und rechtlichen Gründen.

Mehl: In der Bayernliga gibt es ja keine Profiringer mehr. Von daher ist es auch nicht notwendig, die Sport GmbH im bisherigen Umfang weiterzuführen. Der Oliver Dürr und ich werden auf alle Fälle in irgendeiner Form weitermachen. Viele Sachen sind ja auch nicht mehr nötig. Denn wir werden definitiv eine Mannschaft haben mit Leuten, die hier wohnen und leben. Oder aus einer Entfernung kommen, die man bequem mit dem Auto fahren kann.

Heinlein: Es muss von uns keiner mehr nach Bulgarien oder Polen fahren, um Ringer zu akquirieren.

Ist „Eigengewächs“ Hannes Wagner, der einen sensationellen Leistungssprung gemacht hat und in seiner ersten kompletten Bundesliga-Saison zum ACL-Shootingstar avanciert ist, in der Bayernliga zu halten?

Scherer: Natürlich hat er bereits einige gute Angebote aus der Bundesliga, und natürlich zwingt ihn keiner im Verein, in der Bayernliga zu ringen. Aktuell hat er weder bei einem anderen Verein noch bei uns zugesagt. Generell wird es schwer, ihn zu halten.

Wie schnell will der AC Lichtenfels den vom DRB erzwungenen Start in der Bayernliga korrigieren und zumindest die Rückkehr in die bayerische Oberliga schaffen?

Scherer: Es ist schon unser Ziel, bereits im ersten Jahr wieder in die bayerische Oberliga aufzusteigen. Wenn nicht im ersten, dann spätestens im zweiten Jahr. Dann in der Oberliga Fuß fassen, schöne Derbys gegen Hof und Burgebrach bestreiten. Und dann muss man sehen, was der DRB in Zukunft macht. Ob es überhaupt sinnvoll ist, die 2. Bundesliga anzustreben. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass sich auch beim DRB etwas tut. Und dann ist es vielleicht so, dass wir in drei, vier, fünf Jahren zumindest wieder einmal in der 2. Bundesliga ringen.

Mehl: Schließlich haben wir in sechs Jahren 100-jähriges Bestehen. Da kann man sich ja vorstellen, dass man da wieder höhere Ziele anstrebt. Ganz klar: Unser Ziel heißt nicht, in den nächsten Jahren in der Bayernliga zu ringen.

Dazu braucht man natürlich auch den nötigen Unterbau.

Heinlein: Wir müssen sicherlich in naher Zukunft Zeit und Geld in den Nachwuchs stecken, um wieder mehr Eigengewächse zu bekommen. Aber mit dem nötigen Nachwuchs haben nicht nur wir Probleme, sondern auch andere Sportarten. Nicht umsonst gibt es im Fußball immer mehr JFGs.

Zeichnet sich schon ab, mit welchen Ringern der ACL das Vorhaben „sofortiger Aufstieg“ angehen kann?

Scherer: Ich habe mich mit unserem Trainer Ali Hadidi abgesprochen, dass ich noch keine Namen nenne. Aber es wird sicherlich eine Mannschaft sein, die um den Aufstieg mitringt.

Wie steht es um die drei Bulgaren Rumen Savchev, Venelin Venkov und Krum Chuchurov, die hier arbeiten?

Scherer: Bei denen bin ich guter Dinge, dass sie hier bleiben werden. Das ist zwar noch nicht hundertprozentig fix, aber alle drei arbeiten hier und wohnen hier in Lichtenfels. Natürlich haben auch sie Angebote aus der 1. und 2. Liga. Allerdings ist noch nichts spruchreif. Und von den Einheimischen wird bis vielleicht auf Hannes wohl keiner weggehen.

Mehl: Ich denke, es wird eine gute Mischung aus den bisherigen Ringern der ersten und zweiten Mannschaft sein.

Sind Verstärkungen geplant? Denn gerade im Schwergewicht könnte der ACL personelle Probleme bekommen.

Mehl: Es sind tatsächlich noch Verstärkungen geplant, vor allem im Schwergewicht, da wir noch nach einer Ergänzung zu unseren einheimischen Ringern Meixner und Reuther suchen. Es werden schon Gespräche geführt.

Scherer: In den Gewichtsklassen zwischen 61 und 98 Kilo sind wir gut aufgestellt, auch was Einheimische anbelangt. Schwachpunkte sind tatsächlich das Schwergewicht und die 57-Kilo-Klasse. Für letztere käme möglicherweise unser Nachwuchsmann Casyen Irmler infrage.

Herr Scherer, Sie haben gesagt, Sie sprechen sich mit Trainer Hadidi ab. Heißt dies, er bleibt und wird somit eine der Säulen des Neuaufbaus?

Scherer: Ja, der Ali bleibt definitiv unser Trainer! Der Ali war zwar gerne Bundesliga-Trainer. Er hat aber immer wieder angemahnt, es wäre vielleicht besser, den Ball flach zu halten und wieder vermehrt an die eigene Jugend zu denken.

Und die zweite Mannschaft?

Scherer: Die wird es auch geben. Sie wird in der Gruppenliga antreten, also in der untersten Klasse. In der haben aktuell sechs Mannschaften gemeldet. Wir brauchen eine zweite Mannschaft, weil genügend Ringer da sind, die auch ringen wollen. Es ist auch wichtig, mit dieser Mannschaft möglichst schnell in die Gruppenoberliga aufzusteigen.

Glauben Sie, dass unter den Zuschauern mit einer Mannschaft, in der viele heimische Sportler ringen, eine neue Euphorie entfacht werden kann?

Mehl: Wir glauben das schon. Wir haben ja viele treue Fans, die immer kommen. Und die sich natürlich freuen, wenn die Mannschaft gewinnt. Egal, in welcher Liga. Und falls wir dann auch noch mit Leuten aus dem eigenen Nachwuchs erfolgreich sein sollten, hoffen wir, dass auch wieder mehr Stimmung und Euphorie aufkommen. Der Fanclub plant ja jetzt schon Zwei-Tages-Fahrten zu Kämpfen in Niederbayern. Da ist die Unterstützung sicher weiter vorhanden.

Leistungsbilanz

Zhan Belenyuk 9/8/0 19:0

Rumen Savchev 14/11/3 19:7

Hannes Wagner 13/9/4 15:11

Venelin Venkov 8/6/2 12:7

Sergej Shiscov 9/4/5 11:12

Krum Chuchurov 11/4/7 11:13

Mateusz Filipczak 11/5/6 9:13

Patryk Dublinowski 9/4/5 7:9

Romas Fridrikas 7/2/5 6:14

Juhasz Bence 8/2/6 5:17

Simon Pilzweger 10/1/9 2:28

Timur Seidel 8/1/7 1:17

Andreas Eichheimer 1/0/1 0:4

Tobias Schütz 3/0/3 0:7

Niklas Bauer 3/0/3 0:12

Leon Raps 5/0/5 0:20

Sebastian Reuther 6/0/6 0:24

Daniel Luptowicz 6/0/6 0:24

Die Zahlen nach den Namen bedeuten:

Einsätze/Siege/Niederlagen sowie Punkt-

verhältnis.

Heiko Scherer: Der Mannschaftsführer strebt den sofortigen Aufstieg des ACL in die bayerische Oberliga an mit dem Fernziel der Rückkehr in die 2. Bundesliga. Foto: Frank Gorille
Stefan Mehl: Der Geschäftsführer der ACL Sport GmbH sieht den Verein nicht mehr in der Lage, den organisatorischen Aufwand zu schultern. Foto: Frank Gorille
Der Shootingstar: In seiner ersten kompletten Bundesliga-Saison für den AC Lichtenfels zeigte „Eigengewächs Hannes Wagner (re.) zum Teil überragende Leistungen. Das hatten ihm nur die wenigsten zugetraut. Foto: Jörg Richter