LICHTENFELS

Ein sportliches Drama ohne Happy-End

Die vermeintliche Vorentscheidung: Laimutis Adomaitis (oben) schultert in dieser Szene den Luckenwalder Damian Hartmann ... Foto: Christian Voll

Ringer-Bundesliga Nord

Bitter! Brutal! Besch-eiden! Die Beschreibung der Gemütszustände beim AC Lichtenfels kannte nur eine Richtung, als es am Samstagabend gegen halb zehn galt, das eigentlich Unfassbare in Worte zu fassen. 16:17 verloren in einem denkwürdigen Kampf im „Showdown“ gegen den SC Luckenwalde – Play-offs verpasst um einen einzigen Mannschaftspunkt – und das nach dieser tollen Saison!

Es klingt fast wie Hohn, dass der fünfte Platz im Endklassement der Bundesliga Nord trotzdem den größten Erfolg in der Vereinsgeschichte darstellt. Aber niemand, wirklich niemand in den Reihen der Korbstädter mochte nun daran denken. Die zuvor noch unter den wechselnden Fan-Gesängen brodelnde AC-Halle, die förmlich aus allen Nähten platzte und schon 90 Minuten vor dem Beginn bis auf den letzten Platz ausverkauft war, wirkte wie kollektiv gelähmt.

Keiner der Lichtenfelser Anhänger wusste, wohin mit seiner Enttäuschung, als die siegestrunkenen Luckenwalder ihren „Doch-noch-Matchwinner“ Lennard Wickel (74 Kilo, Freistil) in einer Freudentraube unter sich begruben. Denn eigentlich war bis dahin fast alles für die Lichtenfelser gelaufen, die trotz 6:4 Einzelsiegen am Ende mit leeren Händen dastanden.

Gut eine Stunde später hatte ACL-Vorsitzender Stefan Heinlein die Fassung wiedererlangt und gab ein bemerkenswertes Statement ab: „So groß die Enttäuschung ist, so traurig wir alle sind: Wenn man als Mannschaft bzw. als Verein eine solche sportliche Tragödie durchsteht, kann das eine Gruppe auch zusammenschweißen.“

Zum Auftakt des denkwürdigen Ringerabends schweißte aber vor allem der Jubel und die Begeisterung die ACler zusammen. Juhasz Bence (55 Kilo, griechisch) setzte die Reihe seiner starken Kämpfe fort, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Lange musste er gegen Stefan Grigorov um kleine Vorteile ringen, doch ein Kraftakt mit fünf Punkten in der Schlussminute führte zu einem letztlich noch deutlichen 11:4.

Noch einen drauf setzte Dato Kerashvili (120 Kilo, Freistil): Gegen den Deutschen Meister und Olympia-Teilnehmer Nik Matuhin, der bis dato unbesiegt war und stets die maximalen vier Punkte für sein Team geholt hatte, wuchs der 20 Kilo leichtere Georgier förmlich über sich hinaus. Ein gekonterter Durchdreher und einige leidenschaftlich ausgekämpfte, knifflige Situationen ebneten ihm den Weg zu einem grandiosen 5:3.

Auch das nächste Erfolgserlebnis hatten die „Roten“. Mit 2:1 bezwang Adam Bienkowski (60 Kilo, Freistil) verdientermaßen den oft passiven und wohl vom Gewichtmachen geschlauchten Philipp Herzog, der schon ab der dritten Minute weite Phasen des Kampfes auf den Knien bestritt. Mitunter musste ihm sogar Kampfrichter Andre Schedler (AV Zella-Mehlis) wieder auf die Beine helfen.

Dass der ansonsten völlig tadellose Mann in Weiß dieses „Kampf-Verhindern“ großzügig und sanktionsfrei duldete, musste auch deswegen verwundern, da er gleich im Anschluss den ACler David Vala (96 Kilo, griechisch) nach drei Passivitätsverwarnungen streng, aber regelkonform von der Matte stellte.

Mit diesem einen Sieg egalisierte der aktuelle WM-Dritte Viktor Lörincz (LSC) den 3:7-Rückstand seines Teams, das sogar mit 9:7 in Front ging, nachdem der Deutsche Meister Erik Weiß (66 Kilo, griechisch) sicher mit 2:0 gegen Rumen Savchev gewonnen hatte.

Damit war auf Seiten des ACL zu rechnen, genauso wie mit der 1:8-Niederlage des wieder eine Klasse aufgerückten Serghei Siscov (84 Kilo, Freistil) gegen Martin Obst. Nun aber wähnte man sich wieder an der Reihe. Und tatsächlich pendelte das Kampfgeschick nun erneut in die andere Richtung.

Verantwortlich dafür war zunächst Tim Müller (66 Kilo, Freistil). Mit seinem Widersacher Michel Schneider brachte er sechs Minuten „Ringen pur“ auf die Matte. Nicht eine einzige Ermahnung musste ausgesprochen werden, denn hier fochten zwei Könner mit Technik, Taktik, offenem Visier und ganzer Hingabe den Sieger aus. Der hieß dann mit 8:6 Punkten Tim Müller.

Spätestens hier hatte der ACL-Hexenkessel wieder seine volle Betriebstemperatur. Und er erreichte seinen Siedepunkt, als Laimutis Adomaitis (84 Kilo, griechisch) mit einem Kopfzug wie aus dem Lehrbuch den bis dato gleichwertigen Damian Hartmann plötzlich auf die Schultern beförderte und die Einheimischen mit 14:13 abermals in Führung brachte.

Der „Mister Zuverlässig“ dieser Saison, Andi Eichheimer (74 Kilo, griechisch), baute diese durch ein ungefährdetes 2:0 über Marc Wentzke sogar auf 16:13 aus, wonach manche Fans des ACL wohl größere Summen verwettet hätten, dass es insgesamt reicht für einen Gesamtsieg bzw. Unentschieden für ihr Team und den damit verbundenen Playoff-Einzug. Denn alles außer ein 0:4 durfte sich Simon Pilzweger (74 Kilo, Freistil) erlauben gegen Lennard Wickel, mit dem er sich in der Vergangenheit stets heiße und ganz knappe Duelle geliefert hatte.

Doch das nicht mehr für möglich Gehaltene trat ein: Mit einer harten, jedoch regelgerechten Kopfklammer und spektakulären Aktionen zog der Gästeringer schon in Runde 1 mit 8:0 davon. Zwei Zweier machten sein technisch überlegenes 12:0 gegen den völlig konsternierten ACL-Kämpfer perfekt.

So blieb für alle Untröstlichen nur noch die Flucht in die Floskel. Oder wie die Mutter Tim Müllers im besten hessischen Akzent formulierte, den ja so mancher in der ACL-Staffel beherrscht: „Lebbe geht weiter!“

Enttäuschung: Ganz am Ende des Kampfes feierten jedoch nur die Gäste aus Luckenwalde. Rechts: der anwesende Martin Kempf (früher Kittner).
Kontrastprogramm der Emotionen: Immer wieder Grund zum Jubeln hatten die Lichtenfelser Anhänger und Aktiven, wie hier ganz besonders der in seinem Kampf stark ringende Tim Müller.