Von Markus Drossel
LICHTENFELS - Lisa Heinkelmann hat zwei traurige Gesichter auf braunes Packpapier gemalt und mit ihm das Schaufenster ihres Modeladens verhüllt. Passanten lesen „Ihr Leute, schaut's Euch an - oh Graus - so sieht unsere Stadt mal aus.“ Die anderen Einzelhändler im Bereich zwischen Oberen und Unterem Stadtturm, am Marktplatz, in der Badgasse und bis zur Bahnunterführung haben es ihr gleichgetan.
„An unserer Protestaktion beteiligen sich rund 70 Geschäfte“, erläutert Sieglinde Allgaier, Geschäftsführerin der Aktionsgemeinschaft „Treffpunkt“, die Tragweite. Als sie im Namen der „Interessensgemeinschaft zum Schutz unserer Innenstadt“ zum Verhüllen der Schaufenster aufrief, war der Zuspruch groß. Die Einzelhändler der Innenstadt sprechen mit einer Stimme - und sprechen sich gemeinsam gegen das aktuelle Konzept des Fachmarktzentrums aus.
„Die ganze Innenstadt ist durch dieses Fachmarktzentrum in der Mainau gefährdet“, betont Lisa Heinkelmann und stemmt kämpferisch die geballten Fäuste in die Hüfte. Denn geschlagen geben wollen sich die Geschäftsleute im Stadtkern noch lange nicht. „Die Attraktivität unserer Lichtenfelser Innenstadt wird unterschätzt. Wir haben viele Läden, die mit ihrem Spektrum eigentlich alles abdecken.“ Hinzu kämen, so Heinkelmann, genügend Parkplätze in der näheren Umgebung und ein Parkhaus, das günstig sei.
Die „Interessensgemeinschaft zum Schutz unserer Innenstadt“ hatte unter dem Motto „Der Letzte macht das Licht aus...“ die Einzelhändler dazu aufgefordert, die Fensterfronten am Mittwochabend zu verhüllen und bis zum Geschäftsschluss am Donnerstagabend so zu belassen. Viele Besitzer der Geschäfte klebten ihre Fensterfronten bereits am Mittwochnachmittag zu. Gemeinsam geben sie ein tristes und bedrohliches Bild ab.
Denkt Roberto Bauer, Vorsitzender des Einzelhandelverbands in Lichtenfels, an das geplante Fachmarkzentrum, so kann er nur den Kopf schütteln. Statt mit dem Fachmarktzentrum Geschäfte vom Stadtkern in die Peripherie zu locken, müsse die Stadtverwaltung um Erste Bürgermeisterin Dr. Bianca Fischer mit Nachdruck die Innenstadt stärken und fördern. „Vor Jahren hat man angefangen, die Innenstadt attraktiver zu gestalten - und nun kommt man mit so etwas, statt daran anzuknüpfen“, ärgert er sich. „Dabei haben wir in der Innenstadt doch schon heute einen sehr guten Branchen-Mix.“ Auch wenn vielleicht noch die ein oder andere Sparte fehle, die es zu werben gelte.
„Wir brauchen kein Fachmarktzentrum, sondern einen unabhängigen Citymanager, der die Leerstände in der Innenstadt erfasst, um dann gezielt an Interessenten heranzutreten“, fordert Raimund Stark, Vorstandsmitglied der Aktionsgemeinschaft „Treffpunkt“. Schon heute gibt es das ein oder andere vakante Ladengeschäft im Kernbereich der Korbstadt. Durch das Fachmarktzentrum, so befürchten die Einzelhändler, müssten wohl viele weitere von ihnen die Türen ihrer Läden für immer schließen.
„Es gibt mehrere Gutachten, die alle zu ein und dem selben Ergebnis kommen. Unverständlich, dass die Stadt trotzdem an diesem Plan festhält“, wundert sich Roberto Bauer. Die Einzelhändler würden gerne „gemeinsam mit der Stadt Ideen entwickeln.“
Kommt das Fachmarktzentrum so, wie aktuell geplant, entstünden Parkplätze, die für Besucher der Innenstadt nicht nutzbar seien. „Die werden abgeschirmt wie von einer Burg“, verdeutlichen Stark und Bauer. Parkplätze seien schon wichtig, nur müssten sie so angelegt werden, dass sie auch für die Besucher der Kernstadt nutzbar seien. „Also näher zur Bäckergasse hin gebaut werden.“ Raimund Stark fordert darüber hinaus die Errichtung von Kurzzeitparkplätzen im Bereich der Innenstadt - „und dass man erst am Ende zahlen muss, wenn man ins Parkhaus fährt.“ So manche Einkaufsrunde finde aktuell ein jähes Ende, wenn die Zeit abgelaufen ist und ein Strafticket droht.
Als eines der Hauptprobleme hat Roberto Bauer erkannt, „dass die Lichtenfelser ihre eigene, gut funktionierende Innenstadt unterschätzen“. Oder, wie es Geschäftsmann Gerhard Deuerling ausdrückt: Der Prophet im eigenen Land gelte nichts. Die Einzelhändler bieten sich an: „Wir wollen nicht auf Konfrontation gehen, sondern das Miteinander mit der Stadt suchen und mit anpacken“, so Bauer. Fassungs- und sprachlos war er deshalb vor einigen Tagen, als er einen Stadtrat traf und der zu ihm sagte: „Was wollt ihr denn? In der Stadt ist doch sowieso nichts los!“

