SCHACH - Jemand will errechnet haben, dass es mehr mögliche Stellungen auf dem Schachbrett gibt als Atome im Weltall. Schach fasziniert durch Unerschöpflichkeit. Das Wimbledon unter den Schachturnieren für Profis liegt einmal jährlich im spanischen Linares. Das Mekka des oberfränkischen Schachsports liegt einmal jährlich in Schney.
In der Franken-Akademie finden an vier Tagen noch bis einschließlich heute, 6. Januar, die Oberfränkischen Schachmeisterschaften statt. Zugegeben: Profis kämpfen in Schney nicht um den Turniersieg. Kein Wettkämpfer spielt höherklassig als Landesliga.
Den Geruch schnuppern
Aber was für sie zählt, ist das Schnuppern von Turniergeruch, von Anspannung. Was zählt ist die Freude über die „alten Gesichter“, das Auskosten eines Sieges und das Leiden in schlechten Stellungen. Stundenlang. Auch Freizeitsportler sind „Masochisten“.
99 Spieler nehmen teil, 34 Erwachsene, 65 Kinder. Auffällig dabei: nur zwei Mädchen sind darunter. Schach ist ein Männersport.
In fünf Gruppen für Kinder und Jugendliche wird gekämpft, darüber hinaus noch in einem Qualifikationsturnier und dem Meisterturnier. Freilich: Ein Meister des Schachs ist hier niemand.
Dieser Titel wird vom Weltschachverband FIDE verliehen und ist eine Vorstufe zum Großmeister. Aber Meisterturnier klingt gut. Und der Aufwand an Vorbereitung, den mancher für dieses Turnier betreibt, hat schon was Professionelles.
Recherche
Welche Eröffnung spielt mein nächster Gegner? Was spielte er früher? Indisch? Sizilianisch? Slawisch? Was nach einem Buch mit sieben Siegeln klingt, wird aus Datenbanken recherchiert. Dass diese erstellt werden können, liegt auch an einem siebenköpfigen Organisationsteam vor Ort. Schiedsrichter, Turnierleitung, Internet-Aktualisierer, Ergebnis-Auswerter.
Disziplin und Ruhe
Ihr Tag, den sie ehrenamtlich im Dienst für den Schachverband verbringen, beginnt gegen 7 Uhr und endet nicht selten um 1 Uhr. Sie übernachten vor Ort, diese Rechnung zumindest übernimmt der Verband.
Zwei Runden müssen die Spieler täglich durchstehen. Um 8.30 Uhr und dann um 14.30 Uhr. Nach höchstens fünf Stunden ist jede Partie vorbei. Schach-Uhren ticken unbeirrbar. Jeder Spieler hat die Pflicht seine Züge zu notieren. Die Schiedsrichter wachen darüber. Sie wachen auch darüber, dass keine Hilfsmittel wie Computer zu Rate gezogen werden. Und wer den Turniersaal verlassen möchte, der muss sich, so ihn sein Weg nicht zur Toilette führt, mitunter auch beim Schiedsrichter abmelden.
Der achtet auf noch etwas peinlich genau: Ruhe im Turniersaal. Wessen Handy klingelt, dessen Partie wird verloren gewertet.
Es wird Aufwand betrieben. Auch ein logistischer, einer der mit Übernachtungen und Essensmarken zu tun hat. 75 Euro zahlt jeder Übernachtungsgast für vier Tage mit Vollpension an den Schachverband. Der rechnet das mit der Franken-Akademie ab. Das ist günstig -und dennoch leidet der Wettbewerb seit Jahren unter Teilnehmerrückgang. Gab es vor 15 Jahren noch sechs Hauptturniergruppen, sind es jetzt nur noch zwei.
Zu wenig Nachwuchsförderung
Schney sei darum auch ein Spiegel der Nachwuchsförderung, meint Klaus Steffan vom Organisationsteam. Von den 70 oberfränkischen Schachvereinen betreiben seiner Meinung nach nur 15 konsequente Nachwuchsarbeit.
Als Steffan das sagt, sitzt er in einem Nebenraum hinter zwei Rechnern. Es ist kurz vor 19 Uhr, im Turniersaal laufen noch drei Partien. Die müssen später noch für die Auslosung der Paarungen ausgewertet werden.
Todmüde
Jetzt aber geht es zu Tisch. Abendbrot. Dann ein Blitzturnier für Kinder. Beschäftigungstherapie, damit sie „nicht auf dumme Gedanken kommen. Man ist immerhin in einem alten Schloss“, fügt Steffan schmunzelnd an.
Schmunzeln muss er auch, wenn er daran denkt, mit welcher Begeisterung Schachspieler ihrem Hobby nachgehen. Als ob zwei Runden am Tag nicht schlauchend genug wären, nehmen viele jeden Abend noch an einem Blitzturnier teil. „Und fallen todmüde ins Bett“.
Am nächsten Morgen aber ticken die Uhren unerbittlich ab 8.30 Uhr. -häg-
