BURGKUNSTADT/LICHTENFELS - Krieg gehört in Westeuropa der Vergangenheit an. Zwei Generationen an Deutschen und Westeuropäern sind fern von unmittelbaren Kriegen aufgewachsen und die Erinnerungen der Generation der Großeltern scheinen langsam aber sicher mit deren Ableben Teil dieser so unfassbaren Vergangenheit des Landes zu werden. Für einen speziellen Teil der Bevölkerung Deutschlands und auch des Landkreises Lichtenfels ist Krieg jedoch schon immer eine Gegenwart gewesen, die sie selbst bis in das friedliche Europa verfolgt: die tamilischen Flüchtlingen aus Sri Lanka.
,,Die seit 1987 im Landkreis Lichtenfels ansässige kleine tamilische Gemeinde durchlebt gerade eine schlimme Zeit, in der die Furcht vor dem Tod ihrer Lieben in ihrem Heimatland ständig präsent ist“, schreibt Sinthujan Varatharajah aus Burgkunstadt, zurzeit Student der Menschenrechte in London. Dennoch sei deren grausames Schicksal zumeist unbekannt. Der Bürgerkrieg in Sri Lanka sei einer der in den Medien am meist vernachlässigten Konflikte der Welt trotz seiner Dimension. Alleine im vergangenen Jahr sei dieser Konflikt intensiver gewesen als der Krieg in Afghanistan und komme gleich nach den Konflikten im Irak, Sudan und Somalia.
,,Als ein im Landkreis Lichtenfels aufgewachsener deutscher Staatsbürger mit tamilischen Wurzeln bitte ich unsere Mitbürger in Deutschland um Unterstützung und Mitgefühl für das tamilische Volk Sri Lankas, das Opfer eines Völkermordes ist, dem die Welt ohnmächtig zusieht“, appelliert Varatharajah. ,,Die fehlende Aufmerksamkeit ist das Gift, das die Tamilen nun qualvoll sterben lässt. In diesem Land, in das unsere Eltern glücklicherweise fliehen konnten fordern wir das, was uns dort den Tod kostet: die Anerkennung unseres Rechts auf Selbstbestimmung und das Erwachen der Weltgemeinschaft vor der leidvollen Geschichte unseres Volkes.“
Er schildert die erschütternde Situation der Tamilen Sri Lankas in folgendem Bericht: Tausende tote Soldaten, Kämpfer und besonders Zivilisten sind die Folge dieses gewaltsamen, Jahrzehnte andauernden Krieges in einem Land, das hier zu Lande den Meisten nur durch seine touristische Idylle bekannt ist. Doch die Idylle ist bei genauerem Hinsehen nur eine Kulisse, die von Blutspuren abertausender Toten besudelt ist.
Morde und Massaker
Ermordungen, Massaker, Entführungen, Vergewaltigungen, willkürliche Verhaftungen und das „Verschwinden lassen“ sind schon seit der Unabhängigkeit des kleinen Inselstaates von der Größe Bayerns im Jahre 1948 Teil des Alltags geworden. Während im Westen der Weltkrieg drei Jahre zuvor endete, braute sich der noch heute in Sri Lanka tobende Krieg gerade zusammen. Das Rezept dieses Konflikts besteht aus der Unterdrückung und Entrechtung der tamilischen Minderheit des Landes, die sich von der singhalesischen Mehrheit in ihrer Sprache, Religion, Kultur und Mentalität unterscheidet. Diese staatlich geleitete und vom singhalesischen Nationalismus geprägte Politik führte zu etlichen anti-tamilischen Pogromen, denen mehrere tausend unschuldige Tamilen zum Opfer fielen. Diese mit der Reichspogromnacht von 1938 zu vergleichen wäre nicht weit hergeholt.
Die bis Mitte der 70er friedlich nach dem Vorbild Gandhis demokratisch ihre Rechte einfordernden Tamilen starteten eine militante Studentenbewegung, nachdem auch den tamilischen Studenten etliche Hürden bei der Aufnahme in Universitäten in den Weg gelegt wurden. Aus dieser formte sich die auch heute gegen den singhalesisch dominierten Staat und seine Regierung kämpfende Widerstandsbewegung der Tamilischen Tiger (LTTE: Liberation Tigers of Tamil Eelam), die für einen separaten tamilischen Staat kämpfen und hierzulande als terroristische Organisation gekennzeichnet wurde.
Der endgütige Kriegsausbruch war im Juli 1983, nachdem bei einem Anschlag der Tamilischen Tiger gegen die Staatsarmee 13 Regierungssoldaten in der tamilischen Heimat im Norden starben. Dies führte zu den bislang größten anti-tamilischen Pogromen des Landes, den sogenannten Schwarzer Juli Unruhen, denen über 3000 tamilische Zivilisten zum Opfer fielen. Die Gewalt dieser Tage wurde vom singhalesischen Staat gesteuert und geduldet.
Dies war der Beginn des tamilischen Exodus, der Hunderttausende in alle Ecken der Welt trieb. Auch in den Landkreis Lichtenfels. Der Krieg hat nach offiziellen Angaben über 80 000 Opfer gefordert, doch wurde diese Zahl manipuliert und so niedrig wie möglich gehalten. Nach unabhängigen Schätzungen liegt die Zahl der Opfer bei über 300 000 bei einer Bevölkerung von 21 Millionen. Die Mehrzahl dieser Opfer sind Tamilen, eine Minderheit von drei Millionen Menschen.
Heute findet der Krieg in einer unvergleichbaren Gewalt statt, die auch die rund 60 000 Tamilen in Deutschland entsetzt und leiden lässt. Der Vormarsch der sri lankanischen Armee führte zum Rückzug der Tamilischen Tiger in ein Dschungelgebiet, das an die 600 Quadratkilometer groß ist. Mit ihnen zog sich auch die tamilische Bevölkerung der Region Vanni vor der vorrückenden Armee zurück. Dies betrifft mehr als 400 000 tamilische Flüchtlinge (das wären zwei Drittel der Bevölkerung Nürnbergs).
Um die Tamilischen Tiger zu eliminieren ist dem Staat kein Preis zu hoch. Zivile Opfer werden in Kauf genommen, da deren Tod von niemandem wahr genommen wird, weil es sich um Tamilen handelt. Innerhalb der vergangenen zwei Wochen starben mehr als 1000 dieser Flüchtlinge durch Artilleriebeschuss und Flächenbombardierungen der Armee. Sri Lanka ist das einzige Land der Welt, das seine eigene Bevölkerung bombardiert und dabei sogar die weltweit geächteten Streubomben verwendet. Es ist die Rede von tausenden von Verletzten, die elendig verbluten müssen, da es an den Medikamenten und medizinischer Ausrüstung fehlt.
Familien müssen sich in Erdlöchern, die als Bunker bezeichnet werden, vor den Bomben verstecken. Kinder, die vor Hunger flehend schreien, bestimmen das Bild. Selbst heilige Kühe werden nicht verschont. Die tamilischen Flüchtlinge in den Regierungsgebieten werden in Internierungslagern festgehalten, denen wie schon in der Vergangenheit Siedlungsmaßnahmen von Singhalesen folgen werden, um die tamilischen Hoffnungen auf einen unabhängigen Staat zu sabotieren. Zeugen berichten, dass viele Tamilinnen von den singhalesischen Soldaten in diesen Lagern vergewaltigt und sexuell misshandelt werden. Auch heute sind Tamilen Opfer dieser Schandtaten, die in Sri Lanka zur Normalität geworden sind.
Trotz ihrer unglaublichen Dimension stoßen diese Bilder und Nachrichten auf stumme Ohren in der Weltgemeinschaft. Und dies, obwohl die Situation sogar die von Gaza übertrifft. Genau wie dort wurden fast alle vor Ort tätigen Nicht-Regierungs-Organisationen aus der Region verwiesen und ein Einreiseverbot für Journalisten erlassen. Somit lässt sich die Wahrheit gut verschleiern und vor der Welt verstecken.
Wut über Untätigkeit der Welt
Die Untätigkeit und das Schweigen der Welt treibt auch die tamilische Exilgemeinschaft im Landkreis Lichtenfels in Verzweiflung. Die Schreckensnachrichten übertreffen sich täglich und transportieren das menschliche Leid über tausende Kilometer nach Lichtenfels, Burgkunstadt und Michelau. Eine Frage bleibt in den Herzen der Exilgemeinschaft: ,,Wie viele Tamilen müssen noch sterben, bis die Welt aufwacht und das Leid der Tamilen erkennt?“
Die Bundesregierung sowie die Europäische Gemeinschaft begnügen sich mit halbherzigen Lippenbekenntnissen, die an der humanitären Katastrophe jedoch nichts ändern, da sie wie so oft auf taube Ohren der sri lankanischen Regierung stoßen.
