LICHTENFELS

Hinterrücks Jagd auf Wild gemacht

Autowilderer handeln skrupellos: Auch in den Revieren am Obermain waren sie in den vergangenen Monaten unterwegs. Foto: Claudi Elbing

Der Wald ist eine Welt für sich. Nicht nur wegen der Ruhe und dem Anblick von Natur, die er seinen Besuchern bieten kann. Auch die Tierwelt unter Bäumen, auf Lichtungen und im Dickicht hat ihre eigenen Gesetze. Einige Waldbesucher haben hingegen in den vergangenen Monaten in verschiedenen Gebieten des heimischen Landkreises keine Rücksicht auf Gesetze genommen. Ohne Erlaubnis und hinterrücks machten sie Jagd auf Rehwild, schossen es an oder töteten es. Die Beute nahmen sie entweder mit oder mussten sie schwer verletzt laufen lassen, bevor ein Jagdpächter das Tier von seinen Qualen erlöste.

„Seit längerer Zeit sind in unseren Wäldern Wilderer unterwegs. Selbst die jagdliche Schonzeit war den Tätern egal. Zielscheibe sind vornehmlich Rehe“, sagt Polizeihauptkommissar Manfred Hofmann. Er ist bei der Polizeiinspektion in Lichtenfels für die Bearbeitung und Aufklärung von Wildereidelikten zuständig.

„Einer fährt und

der andere schießt.“

Manfred Hofmann, Polizeihauptkommissar

Der Polizeibeamte ist selbst Jäger und hat ein eigenes Revier in Mainroth. Dort entdeckte er erst kürzlich einen Rehbock, welcher mit einem Schuss verendet in einem Maisfeld lag. „Auch der Jagdpächter von Burgkunstadt musste einen Rehbock in der Schonzeit von seinen Leiden erlösen, da dem Tier der Unterkiefer weggeschossen worden war“, erzählt Hofmann dieser Redaktion. „Da waren Wilderer am Werk“, sagt er.

Schnelle Beute machen

Von Oktober bis Dezember vergangenen Jahres liefen bei der Polizeiinspektion auffällig viele Anzeigen über gewilderte Tiere ein, so Hofmann weiter. Besonders betroffen gewesen seien Reviere in Schney, Michelau und in Buch. Aber auch auf dem Jura und im Banzer Wald waren mit hoher Wahrscheinlichkeit in jüngster Zeit Wilderer am Werk.

Die Täter wollen möglichst schnell Beute machen. Sie machen sich nicht die Mühe, von Jagdständen oder Freisitzen aus den Waldtieren aufzulauern. Sie fahren mit dem Auto Waldwege entlang oder in den Wald und feuern aus dem Wagenfenster auf das Wild. So geschehen bei Stöcken im Herbst vergangenen Jahres, wo der Jagdpächter ein erschossenes Reh entdeckt hatte, dass ganz offensichtlich nachts aus dem Auto heraus erlegt worden war. „Einer fährt und der andere schießt“, ist sich der Polizeihauptkommissar sicher.

„Es gibt vermehrt Autospuren im Wald dort, wo früher

keine waren. Wilderer drehen offenbar hier ihre Runden.“

Michael Ament, 1. Vorsitzender des Jagdschutz- und Jägervereins Lichtenfels

„Es gibt vermehrt Autospuren im Wald dort, wo früher keine waren. Wilderer drehen offenbar dort ihre Runden“, sagt auch Michael Ament, 1. Vorsitzender des Bayerischen Jagdschutz- und Jägervereins Lichtenfels. Er betreut das Jagdrevier Stetten/Tiefenroth und berichtet dieser Redaktion von Aussagen verschiedene Jagdpächter, die vermehrt Wilderei in den rund 100 Revieren am Obermain feststellen.

Der Banzgauer Förster habe ihm von „unerklärlichen Schüssen“ berichtet und von Vermutungen, dass auch in seinem Revier Wilderer mit „Autos herumfahren“. Dass der oder die Täter möglichst mobil sein wollen, liegt für Ament auf der Hand: „Die Gefahr, erwischt zu werden, ist dadurch möglichst gering“. Die Autowilderei habe offensichtlich bereits das Verhalten des Wildes auffällig verändert, sagt der Vorsitzende. Er habe gehört und selbst gesehen, dass das Rehwild sehr viel unruhiger geworden ist und bei bestimmten Anzeichen „hochflüchtig“ wegrennt. „Das Reh- und Schwarzwild lernt schnell“, sagt Ament. Autolichtkegel würden bei den Tieren „höchste Gefahr“ signalisieren und panische Angst auslösen. Der Schwürbitzer sieht zwischen der Verhaltensänderung beim Wild in und den in diesem Jahr stark angestiegenen Wildunfällen auf den Straßen am Obermain einen direkten Zusammenhang. „Das Wild ist sehr verunsichert und rennt blindlings auf die Straße“, sagt er.

Gut ausgerüstete Wilderer

Bis heute hat die Polizei keinen brauchbaren Hinweis auf den oder die Täter. „Es gibt Jagdbegeisterte, die keine Möglichkeit zum Jagen haben. Die suchen sich andere Möglichkeiten“, sagt Manfred Hofmann. Jagen dürfen nur der Jagdpächter, der Förster und jene, die über einen offiziellen Jagdbegehungsschein verfügen.

Niemand weiß zudem, wie hoch die Dunkelziffer der gewilderten Tiere ist. Das gewilderte Wild, das am Obermain gefunden wurde, ist mit großer Sicherheit nur ein Bruchteil der Gesamtbeute. Klar ist hingegen, dass der oder die Wilderer sehr gut ausgerüstet sind, unter anderem mit Wärmebildkameras und Nachtsichtgeräten auf den Gewehren, die mit Jagdmunition geladen sind. Die Fahrzeuge, aus denen heraus geschossen wird, seien ebenfalls entsprechend geländetauglich.

Kick oder Nebenverdienst?

Was den oder die Täter antreibt, lässt sich für Manfred Hofmann und für Michael Ament nur vermuten. Hungersnot, wie zu viel früheren Zeiten, dürfte nicht der Fall sein. Ament sieht in dem Treiben einen Auswuchs gesellschaftlicher Entwicklungen, bei denen das Wild zum grausamen Teil eines Spiels mit Abstrusem wird und mit dem „besonderen Kick, auf ein lebendes Wesen zu schießen“. Hofmann schließt nicht aus, dass der oder die Wilderer mit ihrer Beute ihre Haushaltskasse aufbessern. Nach Informationen aus Jägerkreisen bringt ein Reh etwa 100 Euro, ein aufgebrochener Hirsch mit seinen rund 100 Kilogramm gar 400 bis 600 Euro - auf dem legalen Markt. Die Schwarzmarktpreise dürften etwa bei der Hälfte bis zwei Dritteln liegen.

Manfred Hofmann hat inzwischen seine Jägerkollegen in puncto Wilderei am Obermain sensibilisiert, um den Druck auf den oder die Täter zu erhöhen. Er habe den Eindruck, dass dies in der jüngsten Zeit gefruchtet habe, sagt er weiter. Michael Ament hat angesichts steigender Wildereifälle am Obermain ein „mulmiges Gefühl“, wenn er in den Wald oder zur Jagd geht.

Stichwort: Wilderei Definition und Strafverfolgung

Wilderei ist ganz allgemein ein Eingriff in ein fremdes Jagd- oder Fischereirecht. Jagdwilderei liegt vor, wenn jemand vorsätzlich unter Verletzung fremden Jagdrechts oder Jagdausübungsrechts dem Wild nachstellt, es fängt oder erlegt, oder sich oder einem Dritten zueignet, oder eine Sache, die dem Jagdrecht unterliegt sich oder einem Dritten zueignet, beschädigt oder zerstört. Zu den Dingen, die dem Jagdrecht unterliegen, gehören auch alle Teile eines Wildes, wie zum Beispiel Geweihe/Gehörne/Hörner, Knochen, Federn. Wer also als Besucher in einem Jagdbezirk ohne (nachträgliche) Erlaubnis unter anderem eine abgeworfene Geweihstange aufnimmt und mit nach Haus nimmt, begeht Wilderei im Sinne des Gesetzes.

Artikel 292 und 293 des Strafgesetzbuches (StGB) regeln die Ahndung von Wilderei. Dabei geht es um Verletzung eines fremden Jagd- oder Fischereirechts. Mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer fremdes Jagdrecht verletzt, indem er Wild nachstellt, es fängt, erlegt oder sich zueignet oder indem er sich eine Sache, die dem Jagdrecht unterliegt, zueignet, beschädigt oder zerstört. Der Jagdwilderer wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft (§292 StGB), der Fischwilderer mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe (§293 StGB).

Wird die Tat zur Nachtzeit, in der Schonzeit, unter Anwendung von Schlingen oder in anderer nicht waidmännischer Weise, gewerbs- oder gewohnheitsmäßig sowie von mehreren mit Schusswaffen ausgerüsteten Tätern gemeinsam begangen, dann liegt ein besonders schwerer Fall der Jagdwilderei vor, der mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren geahndet wird. red

Der Jagdpächter von Schney, Thomas Dümlein (re.) zeigt den Ort wo das gewilderte Reh auf der Wiese lag. Neben ihm der Vorsitzende des Kreisjägervereins, Michael Ament. FOTO: Redaktion Foto: Redaktion