LICHTENFELS

Die Schubkraft wird erhöht

Für den Verantwortungs-Kompass aktiv (v.li): Professor Alexander Brink (Uni Bayreuth, concern), Erhard Ströhl (Baur, Vorsitzender Wirtschaftsforum Obermain-Jura), Christine Fries (Erste Bürgermeisterin Stadt Burgkunstadt), Landrat Christian Meißner, Robert Hümmer (Erster Bürgerme... Foto: Roger Martin

Für das Bayerische Heimatministerium ist der „Verantwortungskompass Obermain-Jura“ ein Pilotprojekt, das über den Landkreis Lichtenfels hinaus Schule machen soll. Für die Beteiligten vor Ort ist es die Gelegenheit, aufzudecken, welches noch ungenutzte Potenzial der Bereich der Kommunen Burgkunstadt, Altenkunstadt und Weismain hat, wie es erfasst und auf Dauer verwertet werden kann.

Ein Pressegespräch führte am Dienstag die Rathauschefs der drei Orte mit dem Landrat und den Verantwortlichen eines ehrgeizigen Unternehmens zusammen. Nach einer monatelangen Phase eins, bei der auf der Grundlage von Umfragen unter Experten und der Bevölkerung festgelegt worden ist, was im kommenden Jahr konkret angepackt werden soll, sei nun der Zeitpunkt gekommen, loszulegen, sagte Dr. Frank Esselmann. Er ist Mitarbeiter der Beratungsgesellschaft concern GmbH, die ihren Sitz in Köln hat und den Verantwortungskompass ausrichtet. Concern hat eine Nebenstelle an der Universität Bayreuth, die ebenfalls beteiligt ist. Für die Uni sei die „unternehmerische Verantwortung“ im Rahmen des Projekts die zentrale Herausforderung, sagte Professor Dr. Dr. Alexander Brink, der in der Wagnerstadt Wirtschafts- und Unternehmensethik lehrt.

Wirtschaftsforum als Initiator

Initiator und treibende Kraft bei der konzertierten Aktion von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ist das 2005 unter Federführung des Baur-Versands gegründete „Wirtschaftsforum Obermain-Jura“. Seine intensive Arbeit hat den östlichen Landkreis Lichtenfels in die Rolle als Pilotregion für den Verantwortungskompass gehieft. Erhard Ströhl ist Vorsitzender des Wirtschaftsforums. Er sagte am Dienstag, der Zusammenschluss habe dank großer Unterstützung aus eigener Kraft die Einstiegsphase finanzieren können. Und Geld ist für die Verwirklichung der Ziele natürlich wichtig. In dieser Beziehung verschaffte Landrat Christian Meißner den Protagonisten beim Presstermin gleich zu Beginn ein Glücksgefühl: „Das Heimatministerium hat seine Förderzusage gegeben“, sagte er. Es handelt sich um 120000 Euro. Dieses Geld kann nun investiert werden. Das Projekt läuft zunächst bis Ende 2018.

„Der Verantwortungs-Kompass vereint die Kräfte von Politik und Unternehmen, um die Region gemeinsam attraktiver zu machen“, sagte concern-Mitarbeiter Michael Röthel, der mit Esselmann gemeinsam erläuterte, wie die Umsetzung des Projekts funktionieren soll. Das, was nun angepackt wird, entspringt auch einer Befragung von Bürgern und Arbeitnehmern, deren Ergebnisse sehr aufmerksam zur Kenntnis genommen wurden.

Concern-Mitarbeiter Michael Röthel betonte zunächst, das bei der Stichprobe unter rund 300 Bürgern 44 Prozent äußerten, sie fühlten sich in der Region wohl und 37 Prozent sagten, sie fühlten sich eher wohl. 34 Prozent würden die Region, in der sie leben, Bekannten empfehlen. Besonders gut gefällt den Befragten bei uns Natur, Gemeinschaft, Wandern, Fränkische Küche und Ruhe, so Röthel.

„Die gemeinsame

Chemie unter uns Rathauschefs stimmt.“

Udo Dauer, Erster Bürgermeister, Weismain

Auf der anderen Seite hieß es, der demografische Wandel sei spürbar, Unternehmen litten an Fachkräftemangel, die Digitalisierung sollte für Unternehmen besser genutzt werden. Moderne Arbeitsformen, Kinderbetreuung zu Randzeiten, Aus- und Weiterbildung, aber auch Informationsangebote der Unternehmen und sogar Freizeitmöglichkeiten: All dies birgt laut Umfrage besonderes Potenzial.

Alle bisherigen Ergebnisse haben dazu geführt, dass es insgesamt fünf Felder gibt, die in den kommenden Monaten auf vielfältige Art beackert werden: schulartübergreifende Berufsorientierung, anbieterübergreifendes Weiterbildungsangebot, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Regionalmarketing und Freizeitangebote sowie Arbeitgebermarketing.

Familie und Beruf vereinbaren

Erhard Ströhl betonte, dass die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf große Bedeutung habe. Sein Arbeitgeber, Baur, zum Beispiel biete seiner Belegschaft ein „Mutter-Kind-Zimmer“ an. Weil es Beschäftigte gebe, die Angehörige pflegen, werde es in Zukunft aber auch immer wichtiger, Arbeitnehmern und Arbeitgebern Beratungen zur Pflege anzubieten.

Arbeitgeber sollen online präsenter werden und ihr Stellenpotenzial besser vermarkten. Ströhl meinte, es werde wenig bekannt gemacht, dass es bei den Unternehmen im östlichen Landkreis mehr so genannte „hidden champions“, also Marktführer, gibt.

Konkrete Aktionen laufen an: „Bosse an die Schule“ oder „Speakers Corner“ beginnt im März 2018 an. Hier kommen Unternehmer aus den Bereichen IT/Technik, Handwerk und Soziales an Schulen und reden über Motivation und Vision ihres Berufs. 180 Bewerber aus verschiedenen Schulen haben sich im aktuellen Schuljahr für ein weiteres Projekt angemeldet, das es bereits seit 2016 gibt: Der „Business-Führerschein“, dessen Abschnitte Schüler Freitags nachmittags absolvieren. Neben der Realschule Burgkunstadt beteiligen sich daran inzwischen das Meranier-Gymnasium in Lichtenfels und die Realschule in Bad Staffelstein. Ab Januar 2018 werden in Räumlichkeiten des Baur-Versands monatlich ein Mal für Unternehmen Vor-Ort-Sprechstunden zu „Pflege“ angeboten. Das Angebot sei offen für alle. Der Landkreis kümmert sich um die Bezuschussung des Projekts. Auf einigen Feldern, die der Verantwortungskompass für den Bereich des östlichen Landkreises beackern will, haben sein Regionalmarketing und sein Tourismus-Management bereits etliches geleistet.

Deshalb betonten am Dienstag sämtliche Beteiligte, dass es keine doppelten Arbeiten geben darf und wird. Um dies zu verhindern, gehört unter anderem der Landrat dem Lenkungskreis im Verantwortungskompass an. „Wir wollen den Teilraum stärken. Wir wollen aber keine Verinselung“, sagte er. Frank Esselmann sprach von einer „klugen Vernetzung“ und Erhard Ströhl betonte, „Obermain-Jura“ ist die Dachmarke.

„Keine doppelte Arbeit“

Die Kommunalverwaltungen in Altenkunstadt, Burgkunstadt und Weismain engagieren sich seit längerem für den Verantwortungskompass, der für die Bürgermeister/in sogar eine „zusätzliche Schubwirkung“ hat, wie Bürgermeisterin Christine Frieß aus Burgkunstadt sagte. Dies betreffe auch die kommunale Zusammenarbeit. Robert Hümmer (Altenkunstadt) nannte Stadtführungen und Genusswanderungen. Christine Frieß deutete ein gemeinsames Tourismusbüro an. Udo Dauer (Weismain) sagte, „die gemeinsame Chemie unter den Rathauschefs stimmt“ ohnehin. Und die früher häufig als stark verbesserungswürdig bezeichnete Zusammenarbeit der Kommunen funktioniere auf der Ebene der Mitarbeiter ebenfalls schon lange, auch „ohne großes Aufsehen“, so Dauer.