LICHTENFELS

Bei Veenendaal wird wieder produziert

Das Unternehmen Veenedaal in Lichtenfels gibt es seit 1973. FOTO: Veenendaal Foto: Veenendaal

Beim Schaumstoffproduzenten Veenendaal in Lichtenfels ist die Produktion wieder angelaufen. Der Arbeitsstopp seit vergangenem Montag, ausgelöst durch die Lieferung verunreinigter und möglicherweise krebserregender Chemikalien des Rohstofflieferanten BASF (wir berichteten kurz), ist aufgehoben. Dies teilte Alison Vesey, Sprecherin des Firmenverbundes Vita Group in Manchester, dem OT am Donnerstag auf Nachfrage mit. Das ist die gute Nachricht.

Etliche heimische Firmen verschiedener Branchen jedoch werden an den Folgen, die der Chemieriese durch die Verunreinigung des für die Schaumstoffherstellung wichtigen Rohstoffs TDI angerichtet hat, noch einige Zeit zu knabbern haben. Mancherorts ist der Arbeitsablauf durcheinandergewirbelt, die Produktion unterschiedlich schwer beeinträchtigt worden. Umsätze drohen einzubrechen. Der finanzielle Schaden ist noch nicht abzusehen. Einen Imageschaden hat BASF bereits verursacht.

Alle betroffenen heimischen Unternehmen haben reagiert. Sie haben eventuell betroffene Produkte oder verarbeitete Teile aus dem Verkehr gezogen oder tun es noch. Kunden werden ständig auf dem Laufenden gehalten. Die Unsicherheit über das Ausmaß der Chemie-Panne war am Donnerstag allerdings noch ziemlich groß.

„Wir nehmen die Sache sehr ernst.“
Gerd Bissinger, Geschäftsführer Koinor

BASF hat bis Donnerstag mitgeteilt, dass der Schadstoff Dichlorbenzol offenbar über belastetes TDI in die Lieferkette gelangt ist. TDI ist in der chemischen Industrie ein Zwischenprodukt für die Herstellung von Klebstoffen und Schaumstoffen für Matratzen und Polsterungen. Dichlorbenzol ist eine farblose ölige Flüssigkeit mit stechendem Geruch, die hauptsächlich als Zwischenprodukt bei der chemischen Synthese entsteht, aber teilweise auch als Lösungsmittel eingesetzt wird.

Die schadhafte TDI-Produktion beziehe sich, so BASF, auf die Zeit zwischen 25. August und 29. September 2017. Auslöser für die Belastung sei ein technischer Fehler bei der Produktion.

Laut Medienberichten hat BASF inzwischen eine europaweite Rückrufaktion für das schadhafte TDI gestartet. Von den 7500 Tonnen des Stoffes, die einen höheren Dichlorbenzol-Wert aufweisen, seien rund zwei Drittel noch nicht weiterverarbeitet.

Das weiterverarbeitete eine Drittel hat indessen gravierende Folgen. Produzenten und Händler sind betroffen: Matrazenhersteller, Polstermöbelunternehmen und Automobilfirmen. „Wir nehmen die Sache sehr ernst“, sagt zum Beispiel Gerd Bissinger, Geschäftsführer des Polstermöbelunternehmens Koinor in Michelau. Schäume wie jene, die Veenendaal herstellt, finden bei Polstermöbeln zum Beispiel in Arm- oder Rückenlehnen Verwendung. Produkte von Veenendaal mit eventuell belasteten Rohstoffen, die bei Koinor-Zulieferern verarbeitet wurden, müssen aus dem Verkehr gezogen werden. Dies beeinträchtige den normalen Arbeitsablauf und auch die Produktion, sagt Bissinger weiter. Wo unklar sei, ob das Produktionsmaterial belastet sei, ruhe im Moment die Verarbeitung. Modelle, bei denen klar sei, dass keine Teile schadhaft sind, würden in der Produktion vorgeschoben. Dies liege daran, dass nicht alle Zulieferer des Michelauer Unternehmens Kunden von BASF oder Veenendaal sind.

Für den Koinor-Geschäftsführer ist noch nicht klar, wie tiefgreifend die Folgen der schadhaften BASF-Lieferung sind. Das Unternehmen wartet auf Ergebnisse stichprobenartiger Untersuchungen über mögliche Gefährdungen durch belastetes Material in bereits produzierten Möbeln verschiedener Hersteller. Bis Freitag sollen Ergebnisse vorliegen. Erst dann könne Koinor entscheiden, ob sogar Rückrufaktionen gestartet werden müssen. „Dann würde der Schaden wachsen“, so Bissinger.

Raumluft wird getestet

Das Michelauer Unternehmen lässt indessen die Raumluft in seinen Produktionsstätten testen. Aus der Fertigung des Unternehmens habe es „keinerlei Klagen“ von Mitarbeitern über Schadstoffbelastungen gegeben.

Ein Schaumstoff-Unternehmen im Landkreis, das Kunde von Veenendaal ist, hat laut seines Sprechers „innerhalb von Stunden“ nach Bekanntwerden der Nachricht von Belastungen alle schadhaften Produkte aus dem Verkehr gezogen. Alle Kunden seien umgehend informiert worden. Die Firma habe einen Ersatzlieferanten mit verlässlicher Qualität, der den Ausfall kompensieren konnte. Bei den Kunden sei es zu keinem Lieferstau gekommen. Innerhalb der Firma habe es Luftmessungen gegeben. Ergebnis: Keinerlei Schadstoffbelastung. Für das Unternehmen ist das Malheur laut Sprecher bereits abgehakt. „Wir schauen nach vorne“ heißt es. Dass allerdings die BASF-Panne nun in den Medien breit getreten und damit das Produkt Matratze schlecht geredet werde, ärgert den Firmensprecher sehr. Wichtig sei nun, dass sich alle Hersteller erklären, an die die BASF ihre schadhafte Rohstoffe geliefert habe.

Kaufzurückhaltung befürchtet

Einer der größten Matratzen-Händler Deutschlands mit acht Marken und über 850 Filialen unterhält auch in Lichtenfels eine Niederlassung. Sein Sprecher hat vergleichsweise beruhigende Nachrichten für die Kunden. „Alle Matratzen, die vor dem 1. September verkauft wurden, sind unbedenklich“,sagte er.

Was danach über den Ladentisch gegangen sei, werde anhand von Angaben der Hersteller, die bald vorliegen sollen, zunächst geprüft. Sollte sich herausstellen, dass bestimmte Marken Schadstoffe enthalten, könne der Kunde das Produkt zurückbringen und erhalte dafür kostenlos eine Matratze der gleichen Kategorie. Es werde auch möglich sein, sein Geld zurückzuverlangen.

Der Pressesprecher des Discounters spricht von einem „Imageschaden“ für die Matratzenbranche, den BASF zu verantworten habe. Er gehe davon aus, dass sich potenzielle Käufer von Matratzen in den kommenden zwei bis vier Wochen eher zurückhalten werden, was zu einem Umsatzrückgang führen werde. „Wir werden mit dem Thema ganz offen umgehen“, sagt der Sprecher.

„Wir sind am Rotieren.“
Der Sprecher eines heimischen Schaumstoffunternehmens

Weit weniger entspannt klingt es aus einem anderen Schaumstoff-Unternehmen in Lichtenfels. „Wir sind am Rotieren. Wir haben schon deutliche Einschnitte gehabt“, heißt es auf Nachfrage. Etliche der insgesamt 14 Mitarbeiter mussten unfreiwillig Urlaub machen. Die Firma bezieht etliche Qualitäten Schaumstoff von Veenendaal und produziert unter anderem Sitz- und Rückenpolster für Möbelunternehmen.

Seit Montag mussten in der Firma alle Zuschnitte, in denen belastetes Material sein kann, ersetzt werden. „Wir mussten neu konfektionieren. Das ist für uns ein riesiger Zeitaufwand“, so der Sprecher. Zum Glück sei schnell Ersatzware vom Schaumwarenproduzent Eurofoam in Burkhardtsdorf gekommen, mit der die Ausfälle überbrückt werden. Dennoch konnten Bestellungen nur verzögert ausgeliefert werden. Bislang sei ein „riesiger Verlust“ entstanden, da die Firma die außerplanmäßigen Schaumstoffe vorfinanzieren musste. Die Rechnung gehe zunächst an Veenendaal, so der Sprecher. „Die müssen sozusagen für BASF gerade stehen. Ich rechne fest mit einer Entschädigung“.

Beim Polstermöbelunternehmen K+W in Lichtenfels musste die Produktion ebenso vorübergehend eingeschränkt werden, wie ein Sprecher sagte. Vor allem just-in-time-Bestellungen seien betroffen. Man sei im Moment von Informationen der Schaumstoffindustrie abhängig, um entscheiden zu können, wie es weitergeht. Nur von dort sei zu erfahren, in welchen Schaumstoffen Grenzwerte für Schadstoffe überschritten werden.

„Ein Milliardenloch aufgerissen“

Auch K+W ist in ständigem Kontakt mit seinen Kunden und betreibt eine offensive Informationspolitik, wie der Unternehmenssprecher betont. Er befürchtet, dass der Schaden enorm ist. „Da ist ein Milliardenloch aufgerissen worden“, sagt er. Ob genug Entschädigungen fließen werden, sei nicht sicher. BASF werde hoch bezahlte Anwälte engagieren. Es sei nicht auszuschließen, dass mittelständische Unternehmen im Zweifelsfall dagegen keine Chance haben. Der Fachverband Matratzen-Industrie wirft indessen BASF vor, seine Informationen zu spät weitergeleitet zu haben. Der Matratzenindustrie drohe aufgrund der „nicht transparenten Situation“ neben „existenzgefährdenden Margenverlusten“ auch ein enormer Imageverlust. Jährlich werden in Deutschland etwa sechs Millionen Matratzen verkauft.

Matratzenhersteller prüfen

Der Chemiekonzern BASF hat offenbar über einen Monat lang mit Dichlorbenzol belastetes Toluoldiisocyanat (TDI) ausgeliefert, einen wichtigen Ausgangsstoff für den Kunststoff Polyurethan. Zahlreiche Matratzenhersteller haben daraufhin die Produktion eingestellt, um ihre Lieferungen zu überprüfen.

BASF bietet laut Medienberichten an, TDI, das sich noch in Tanks der Kunden befindet, zurückzunehmen und sämtliche nicht verarbeitete Schaumblöcke zu sammeln, die mit den verunreinigten Isocyanaten aus dem entsprechenden Zeitraum hergestellt wurden, zu sammeln.

Für bereits weiterverarbeitete Produktmengen empfiehlt BASF seinen Kunden als Vorsichtsmaßnahme, Tests durchzuführen, um sicherzustellen, dass die relevanten Grenzwerte der verschiedenen Industrien eingehalten werden. Der Konzern hat außerdem eine telefonische Hotline für Kunden und Verbraucher eingerichtet. Diese ist zwischen 8 und 18 Uhr zu erreichen unter Tel. (062160) 21919.

Schaumstoff-Blöcke wie dieser werden bei der Firma Veenendaal hergestellt. FOTO: Red Foto: Redaktion