LICHTENFELS

„Fürsorgender Vater des Handwerks“

Hans Diroll (1871–1949). Die Aufnahme stammt wohl aus den 20er Jahren. FOTO: Red Foto: Red

Eine Sackstraße nahe dem Lichtenfelser Friedhof ist nach einem Mann benannt, der als Bauunternehmer ein ganzes Stadtviertel von Lichtenfels geprägt hat: die Hans-Diroll-Straße.

Hans Diroll war am 12. September 1871 in Trossenfurt bei Eltmann zur Welt gekommen. In einer 1928 veröffentlichten Geschichte seines Betriebes, sicher von ihm selbst verfasst, heißt es: „Seit 1888 hat sich die Firma Diroll in Lichtenfels ansässig gemacht. Die Urgroßeltern gehörten dem Baugewerbe an. Die Firma ist also keine Konjunkturerscheinung, sondern mit dem Blute von Generationen eng verbunden, aus ihm herausgewachsen.“ Tatsächlich jedoch meldete der 1845 in Dankenfeld geborene Maurermeister Jakob Diroll erst am 4. Februar 1891 seinen Betrieb, damals mit acht Mitarbeitern, in Lichtenfels an.

Der Ausbau der Bahnlinie von Stockheim zur Landesgrenze bei Ludwigsstadt und weitere Bahnbauten, etwa der zweigleisige Ausbau der bestehenden Linie von Bamberg nach Lichtenfels, hatte ihn vom Steigerwald an den Obermain geführt. Jakob Diroll wirkte maßgeblich mit am Entstehen der genannten Bahnstrecke im Frankenwald „mit den notwendigen Hochbauten, Bahnhofsgebäuden, Bahnwärterhäusern, den Kunstbauten wie Brücken, Durchlässen und Unterführungen“.

„Ein Teil der Stadt in südöstlicher Richtung ist das Kolonisationswerk der Firma Hans Diroll.“
Professor Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger

Ab 1893 übernahm das Bauunternehmen zunehmend auch private Aufträge, „in deren Folge ein technisches Büro errichtet und Baumaterialienhandel betrieben wurde“. Die Bahn blieb gleichwohl wichtiger Kunde: Von Maroldsweisach bis Marktredwitz war die Firma Diroll für die bayerische Staatsbahn aktiv, im Hoch- wie im Tiefbau.

Seit 1893 in Unternehmensleitung

Hans Diroll, der ältere Sohn von Jakob Diroll, erlernte nach dem Besuch der Volksschule das Steinmetz- und Maurerhandwerk, arbeitete erst in Nürnberg, dann im väterlichen Betrieb „bei verschiedenen Bahnbauten Oberfrankens“ und besuchte die Kreisbaugewerkschule Würzburg, die er 1893 abschloss. Von dieser Zeit an bekleidete er im väterlichen Betrieb Leitungsfunktionen.

Nach dem Tod seines Vaters Jakob Diroll im Jahr 1898 übernahm Hans Diroll das Unternehmen gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Adam Diroll (1875–1941). 1910 teilten die Brüder die Firma unter sich: Hans übernahm das Bauunternehmen samt Baumaterialienhandel und Leichtsteinfabrik, während Adam die Steinbrüche – der bedeutendste lag bei Kleinziegenfeld – und die Steinwerkstätten, betrieb.

Zahlreiche Häuser erbaut

Hans Dirolls Unternehmen baute oder erweiterte Bahnlinien und Bahnhöfe in ganz Ober- und Unterfranken. Zu den prestigeträchtigsten Aufgaben gehörte dabei der Bau des Königssalons in Bamberger Bahnhof. Aber auch die Lichtenfelser Kanalisation von 1900 ist, wenigstens teilweise, sein Werk, ferner die Schulen in Schney, Mistelfeld und Grundfeld, die Fachschule für Korbflechterei, das längst abgebrochene Postamt nahe dem Bahnhof, das Forstamt und das Bezirksamt in der Kronacher Straße, die Flussmeisterei an der Coburger Straße, das Schulschwesternhaus, die Kleinkinderbewahranstalt, der Aussichtsturm auf dem Herberg, das Lager der Aktiengesellschaft für Korbwaren- und Kinderwagen-Industrie (Hourdeaux-Bergmann) an der Langheimer Straße, die kurzlebige Uhrenfabrik an der Ecke Schillerstraße/Balthasar-Neumann-Straße, die heute verschwundene Aktienbrauerei am Unteren Tor und die ebenfalls großteils abgebrochene Bürgerbräu am Pabstenweg, das Kraftwerk in Oberwallenstadt, das „Wohlfahrtshaus“ der AOK an der Kronacher Straße, dazu Fabrikgebäude und Transformatorenhäuschen rundum.

„Ein Teil der Stadt in südöstlicher Richtung ist das Kolonisationswerk der Firma Hans Diroll.“ Mit diesem „Kolonisationswerk“ sind die sogenannten Dirollshäuser gemeint, die Ein- und Zweifamilienhäuser in den Sandstraßen, errichtet auf firmeneigenem Grund – eine dringende Erfordernis in Lichtenfels, wo viele im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts über Wohnungsnot klagten.

Dirolls Unternehmen, das seinen Sitz an der Ecke Kronacher Straße/Schillerstraße hatte, beschäftigte am Vorabend des Ersten Weltkriegs 41 Männer. In den 1920-er Jahren erweiterte der Inhaber es um ein Sägewerk und einen Zimmereibetrieb an der Langheimer Straße.

Der Gewerbeverein Lichtenfels, dessen Vorsitzender Diroll von der Gründung bis 1930 war, entsandte ihn 1905 in die Handwerkskammer; von 1926 bis 1931 gehörte er ihrem Vorstand an. Als Vorsitzender des Gewerbevereins organisierte er 1909 die Einrichtung eines Heimatmuseums in Lichtenfels, das er über Jahrzehnte hinweg betreute.

Diroll regte 1914 die Gründung der Allgemeinen Ortskrankenkasse an und blieb ihr Vorstandsvorsitzender über Jahrzehnte. Dem Gemeindeverordnetenkollegium gehörte er ab 1904 an, ab 1914 dann dem Stadtmagistrat (ab 1919: Stadtrat), von 1919 an ebenso dem Bezirkstag (dem heutigen Kreistag). Von 1919 bis 1924 saß er als Abgeordneter der Bayerischen Volkspartei (BVP) im Bayerischen Landtag.

Als 2. Vorsitzender des Lichtenfelser Ortsvereins der BVP wird er von 1919 bis 1921 erwähnt (1. Vorsitzender war Justizrat Alois Jüngling). Dem Lichtenfelser Tagblatt erschien Diroll 1919 „als fürsorgender Vater des Handwerks und Gewerbes“ in Lichtenfels. Für seine Verdienste wurde Diroll Ende 1926 durch Verleihung des Titels „Landesgewerberat“ geehrt.

1940 gründete Diroll die Lichtenfelser Gruppe des Colloquium Historicum Wirsbergense – „Heimat- und Kunstfreunde Lichtenfels“ nannte sie sich – und leitete sie bis zu seinem Tod; ferner fungierte er als 2. Vorsitzender des Gesamtvereins.

Als Heimatforscher beschäftigte sich Diroll über Jahrzehnte hinweg mit der Geschichte von Lichtenfels. Er verfasste 1936 den Führer „Kulturhistorische Denkmäler in Lichtenfels und näherer Umgebung“, 1939 unter dem Titel „Es war einmal ...“ eine kleine Geschichte des Zisterzienserklosters Langheim und gab 1940 in Form eines Faltblatts eine Lichtenfelser Einwohnerliste von 1539 heraus.

Ein Mann der Tat

Daneben erschienen in den „Heimat-Blättern vom Maintal und Jura“, der Beilage des Lichtenfelser Tagblatts, zahlreiche heimatkundliche Studien Dirolls. Seine Manuskripte freilich zeigen dabei Schwächen im sprachlichen Ausdruck: Diroll war ein Mann der Tat, weniger des geschriebenen Wortes.

Ein Sinn dafür ging ihm jedoch keineswegs ab. Über Jahrzehnte hinweg förderte Diroll den Burkheimer Besenbinder und Verseschmied Franz Joseph Ahles (1869–1939). Dieser lieferte von etwa 1910 bis in die 1930-er Jahre unzählige Gelegenheitsgedichte, insbesondere für Lichtenfelser Institutionen und Personen. Die meist vierzeiligen Poeme an den „Dirollshäusern“ in Lichtenfels stammen aus seiner Feder.

1945 wurde der 74-jährige Diroll von der US-Militärregierung noch für den Schutz von Sammlungsgut namhafter Museen eingesetzt, das in der Umgebung von Lichtenfels eingelagert war. Diroll selbst bemühte sich unmittelbar nach Kriegsende um die Wiedergründung eines Gewerbevereins.

Mit 77 Jahren verstorben

Am 13. Februar 1949 starb Hans Diroll, der seit 1896 mit der Lichtenfelser Metzgerstochter Anna Deuerling verheiratet war, im Alter von 77 Jahren in Lichtenfels. Seine beiden Söhne Hans und Adam führten das Unternehmen weiter. Die Straße nahe dem „Sandviertel“, an der er mehrere Wohnblocks errichtet hatte, wurde bald nach seinem Tod nach Hans Diroll benannt.