LICHTENFELS

Ein Kornblumenstrauß öffnet das Felsentor

Die bekannte Weihersmühle auf einer Postkarte vom Anfang des 20. Jahrunderts. Oberhalb der Felsen liegt das Juradorf Wallersberg.FOTOs: Andreas Motschmann Foto: Andreas Motschmann

Wer kennt Sagen aus unserem Landkreis? Vielleicht die älteren Einwohner oder der eine oder andere kennen eine Geschichte aus ihrem Heimatort. Mit der Serie „Sagenhafte Orte in unserer Heimat“ stellt das Obermain-Tagblatt in den nächsten Monaten einige Sagenorte vor, die vielleicht nicht jeder kennt. Erzähler Andreas Motschmann, der noch vielen durch seine Vortragsabende, zum Beispiel bei den Obst- und Gartenbauvereinen bekannt ist, wird einmal pro Monat eine Volkssage aus unserer Region vorstellen. Zum Auftakt nimmt er uns mit in das Juradorf Wallersberg ins Kleinziegenfelder Tal.

Die Getreideernte als eines der wichtigsten Ereignisse im ländlichen Jahr spielt in vielen Sagen eine Rolle, nicht nur in Franken. Im Buch „Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes“ von E. u. K. Radunz wird die Sage „Der verschwundene Knabe von Wallersberg“ in der Fassung von H. Barnickel erzählt. Sie stammt von einem Manuskript aus dem Jahr 1936. Leider ist das Sagenbuch zurzeit in den Buchläden vergriffen.

In dieser Volkssage spiegelt sich die Juralandschaft des Kleinziegenfelder Tales an einem heißen Augusttag wider. Die unterschiedlichsten Felsformationen lassen mit ein wenig Phantasie die Sagenfiguren erkennen. Die bekanntesten sind der Mönch, der Predigtstuhl und der Rolandsbogen. Inzwischen sind diese sagenumwobenen Felsen und Torbögen vom Baumbewuchs freigelegt und in voller Größe sichtbar.

Felsentor zur „Anderswelt“

In dieser Wallersberger Sage ist das Felsentor der Eingang in die „Anderswelt“, und es ist nicht selbstverständlich, sich einen Eintritt zu verschaffen. Nur mit einem „Schlüssel“ lässt sich das Tor öffnen. Der Sagenheld hat mit seinem frisch gepflücktem Kornblumenstrauß den passenden Schlüssel in der Hand und findet Einlass. Von dem Alten bekommt der Junge alles Lebensnotwendige und schließlich die Belohnung dafür, dass er die ihm übertragenen Aufgaben erledigt hat.

Zehn Jahre lang erfüllt er pflichtbewusst die Arbeiten, doch dann übermannt ihn die Neugier. Die Quittung für den Fehltritt kommt prompt. Mit der Abfindung und seinem Kornblumen–„schlüssel“ muss er den Heimweg antreten. Die überglückliche Magd findet ihren Sohn am Kornblumenfeld, aber das Wiedersehen ist getrübt. Aus dem kleinen Jungen ist der „Höllenbub“ geworden.

In vielen Geschichten dieser Sagenart bleiben die Verschwundenen für immer im Totenreich. Der Höllenbub kommt mit seinem Kornblumenstrauß wieder lebendig heraus, aber er lebt als veränderter Mensch im Dorf, ein Sonderling, der nie wieder richtig lachen und weinen kann. Durch drei weitere Geschichten im Sagenbuch zieht sich, wie ein roter Faden das Unglück, bis zu seinem tragischen Tod.

Kornmännlein und Roggenhund

Durch diese Sage wird uns bewusst, warum vor 100 Jahren die Korndämonen großen Raum einnahmen. Kornmännlein, Kornmutter, Roggenhund, Kornbock und „die lange Els“ sind einige Beispiele der langen Namensliste. Auch die Hexen waren vertreten, denn sie tanzen und lispeln im Korn. Vor allem die ungehorsamen Kinder wurden vor diesen Gestalten gewarnt und dies nicht ohne Grund. Früher, als es noch kein Halmverkürzungsmittel gab, wurde das mannshohe Korn für kleine Kinder zum Verhängnis. Wenn das Kind sich in einem großen Kornfeld verlief, fand es nicht mehr heraus; ohne Orientierung im „Kornmeer“ musste es jämmerlich verhungern und verdursten. Die Angst vor dem Schreckgespenst sollte die Kinder vor solch einem tragischen Unglück bewahren.

Spiegel des bäuerlichen Lebens

Sagen haben kein glückliches Ende, und trotzdem sind sie es wert, wieder neu belebt zu werden. Wir erfahren durch die Volkssagen und –bräuche vieles Wissenswerte über die Erfahrungswelt der Menschen vor vielen Generationen. Bis ins 19. Jahrhundert war Europa von der Landwirtschaft geprägt, das menschliche Leben aufs engste mit der Natur und dem Wechsel der Jahreszeiten verbunden und von ihr abhängig. Hier entwickelten sich Sagen und Bräuche und waren überall lebendig.

Vielleicht gelingt es uns, am Beginn des 21. Jahrhunderts, wieder für die Volkssagen aus unserer Region sensibel zu werden, in alten Büchern kann man sie lesen.

Ein Getreidefeld vor der Ernte. Der kleine Junge aus Wallersberg hatte allerdings einen anderen Blickwinkel und das Korn ohne Halmverkürzungsmittel kam dem Kleinen sehr hoch vor. Foto: Andreas Motschmann