LICHTENFELS

Die Beziehungen der „Kunst-Nomadin“

Die Skulpturen „Relations“. Foto: Sabine Meyer

Ihre schlanken Finger streicheln behutsam, ja zärtlich über die fein geschliffene, doch immer noch leichtporige Oberfläche der Skulpturen. „Relations“, das sind zwei Figuren, die an Blüten erinnern, geschwungene Formen, geschaffen aus italienischem Muschelkalk. Kristina Kanaan blickt liebevoll auf ihr Werk. Erzählt vom Entstehen der Skulpturen. Vom teilweisen Kampf mit dem Material, um es in die Form zu bringen, die ihr inneres Auge ihr vorgibt.

Die Luft ist besser

„Relations“ – Beziehungen. Sie spielen eine entscheidende Rolle im Leben der 48-Jährigen, die seit einem Jahr in Lichtenfels wohnt. Die Liebe zu ihrem Lebensgefährten, dem heimischen Musiker Thomas Meyer, lockte sie aus ihrer Geburtsstadt München an den Obermain. Hier findet sie es wunderschön. „Außerdem ist die Luft besser als in München. Das ist es, was ich brauche – gutes Wasser, gutes Gemüse, gute Luft“, sagt sie.

Die „Beziehungen“, die Freundschaften, ihrer Eltern zu bekannten Künstlern weckten schon in jungen Jahren die Kreativität der gebürtigen Münchnerin. Dazu hat sie von ihrer Familie jede Menge Talent geerbt. „Mein Vater hat Gedichte verfasst. Als er 1956 aus Ungarn nach dem gescheiterten Volksaufstand gegen die Kommunisten flüchten musste, hat er schließlich in München eine Zeitung für Dissidenten aus seiner Heimat herausgegeben. Meine Großmutter war Schauspielerin, meine Schwester Choreografin, eine Tante arbeitete am Theater.“

Mit 17 Jahren mit der Kunst befasst

Sie selbst begann mit 17 Jahren, sich ernsthaft mit der Kunst zu beschäftigen. An der „Accademia di Belle Arti“ in Macerata in Italien avancierte die Grafik-Designerin zur Meisterschülerin von Professor Paolo Gallerani. Überhaupt Italien. Zu diesem Land hat Kristina Kanaan eine ganz besondere Beziehung aufgebaut. Hier verbrachte sie mit Unterbrechungen 20 Jahre ihres Lebens, besitzt in der Nähe von Ascoli Piceno ein eigenes Landhaus. Hier gab die Künstlerin Workshops, organisierte Ausstellungen, widmete sich ihren Werken.

Das sind hauptsächlich Skulpturen, abstrakte Figuren. „Die Bildhauerei gibt mir mehr als die Malerei“, schwärmt Kristina Kanaan. Als Material dafür verwendet die 48-Jährige meist Steine oder Naturmaterialien von den Orten, an den sie sich gerade befindet. Denn an einem Ort allein hält sie sich nicht allzu lange auf, ist oft auf Reisen, baut dabei immer wieder zu den verschiedenen Regionen neue Beziehungen auf.

„Ich bin eine Nomadin“, sagt Kristina Kanaan. Sie reist durch Europa, sammelt Eindrücke. Malt sie einen Strand, wird Sand in das Gemälde eingearbeitet. In einem anderen Bild über eine verstorbene Verwandte findet sich die Erde deren Heimat wieder. In Ländern wie Österreich, Frankreich, Ungarn, Malta, Spanien oder Schweden hat sie schon ihre Werke gezeigt. Auch in China, im Museum der chinesischen Geschichte am Tien-an-Men-Platz, konnten Interessenten Skulpturen wie „Memoriae“ der Künstlerin bewundern. Bei ihren Tripps hat sie dazu Beziehungen zu vielen anderen internationalen Künstlern aufgebaut und wurde dadurch Mitglied der europäischen Künstlergruppe „Frequenzen“.

Deren Mitglieder arbeiten einmal im Jahr für eine Woche in einer Stadt irgendwo in Europa zusammen. „Wir nehmen uns ein gemeinsames Thema vor, dann sehen wir, was daraus wird“, berichtet die 48-Jährige. Durch die Gemeinschaft, das Zusammensein so vieler kreativer Köpfe, seien viele der Werke ständig im Wandel. Brächten manche Teilnehmer ihre Werkzeuge zu dem Symposion mit und hätten bereits ein klares Bild der Arbeit im Kopf, erscheine sie ohne diese bei den Zusammenkünften. „Ich gehe durch die Landschaft, schaue mich um, nehme mir Zeit“, sagt Kristina Kanaan. Sie geht eine Beziehung zu ihrer Umgebung ein, dann sprudelt der Schaffensdrang nur so aus ihr heraus, dann wandelt sie einen Stein, einen Holzstamm zu einem Kunstwerk.

Engagement gegen Glyphosat

Die Künstlerin Kristina Kanaan engagiert sich aber auch für die Umwelt, für die Menschen. So schuf sie durch eine Aktion von Greenpeace das Auge eines Wales aus Stein, um gegen den Walfang zu protestieren. Seit ihr Alzheimer die Beziehung zu ihrem mittlerweile verstorbenen Vater geraubt hat, setzt sie sich für ein Verbot des Pflanzengifts Glyphosat ein. „Ein Arzt hat erklärt, dass dieses Mittel zusammen mit Metallteilchen Alzheimer auslösen kann. Deswegen ist es mir unter anderem sehr wichtig, dass Glyphosat nicht mehr angewendet wird.“

Gegen dieses Herbizid sammelte die 48-Jährige kürzlich Unterschriften am Lichtenfelser Marktplatz. Doch Kristina Kanaan ist keine Aktivistin, sie ist Künstlerin. Ihre Werke will sie auch in der Region zeigen, wie bei der Kunstmesse im letzten Sommer im Alten Güterbahnhof in Coburg. Hier ist sie auch heuer wieder präsent, um die Beziehung zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt und zu den Kunstfreunden am Obermain zu vertiefen.

Die Bildhauerin Kristina Kanaan stammt aus München und lebt seit einem Jahr am Obermain. Foto: Thomas Meyer