LICHTENFELS/MARKTGRAITZ

Sie kommen aus Südkorea und Serbien

Teamwork von Jugendlichen aus drei Nationen: Crystal und Soojin aus Südkorea (v. li.), Victorine aus Nancy (re.) und Duc... Foto: Gerhard Herrmann

Knirschend frisst sich die Bandsäge ins Holz. Soojin aus Südkorea und Victorine aus Frankreich ziehen das Werkzeug mit Schwung über das Brett, das die Südkoreanerin Crystal und Duc Huy aus Berlin halten. „Oh, Baby ...“, singen die Jugendlichen, scherzen und lachen. Die Arbeit an einem Unterstand für Ziegen auf dem Berglein bei Marktgraitz macht ihnen sichtlich Freude, obwohl ihnen dabei ein rauer Wind Schneeregen ins Gesicht bläst. Die Vier opfern ihre Osterferien, um bei einem internationalen Workcamp das Weidelandschaftsprojekt des Landschaftspflegeverbands im Landkreis Lichtenfels zu unterstützen.

Nicht nur für viele der zwölf Jugendlichen aus sechs Nationen ist der ehrenamtliche Einsatz eine Premiere, sondern auch für den Landschaftspflegeverband, wie Projektleiter Gerhard Hübner und sein Kollege Heinrich Maisel berichten. Und sie sind so angetan vom Einsatz der Jugendlichen, dass sie sich eine Fortsetzung in den Sommerferien vorstellen können. „Es macht Freude zu sehen, wie engagiert die Teilnehmer zu Werke gehen, auch wenn dabei mal ein Spaten zu Bruch geht“, erklärt Gerhard Hübner, Leiter des Bayern-Netz-Natur-Projekts Weidelandschaft Obermain. Bei dem Einsatz gehe es nicht nur um die Landschaftspflege, sondern auch um internationalen Kulturaustausch und Völkerverständigung.

„Gemeinsam arbeiten,

kochen, essen, schlafen

und Ausflüge machen,

das schweißt zusammen.“

Duc Huy, Student aus Berlin

Die Verständigung funktioniert bestens – nach einer Woche ist die Gruppe (zwei Franzosen, ein Belgier, ein Serbe, zwei Südkoreanerinnen, eine Finnin und fünf Deutsche) zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen. „Es ist erstaunlich, wie schnell wir uns angefreundet haben“, betont Duc Huy. Der 25-jährige Berliner genießt nicht nur die körperliche Betätigung in der schönen Landschaft am Obermain, sondern auch die Gemeinschaft. „Gemeinsam arbeiten, kochen, essen, schlafen und Ausflüge machen, das schweißt zusammen“, erklärt er. Sogar Holz hacken müssen sie, um den Ofen in der Hütte des Alpenvereins in Oberküps, wo sie untergekommen sind, zu beheizen. Ihm ist das Gruppenerlebnis ebenso wichtig wie die Gelegenheit, in den Ferien aktiv zu sein. Dafür opfere er seine Freizeit gerne. „Es ist wichtig, einmal aus der Komfortzone herauszukommen und etwas für die Allgemeinheit zu tun“, pflichtet ihm die 17-jährige Soojin aus Südkorea bei. Während bei den Workcamps üblicherweise vier Stunden am Tag gearbeitet wird, sind die Jugendlichen bei diesem Projekt täglich sechseinhalb Stunden im Einsatz, weil die Ferien nur zwei Wochen lang sind und wegen Karfreitag und Ostermontag zwei Arbeitstage wegfielen.

Gemeinschaft und Austausch

Während das Quartett das Holz für den Unterstand zusägt, erklärt Gerhard Hübner der Teamleiterin Liesel Winter, wie aus Flacheisen mit einigen Schlägen des Fäustels die Winkel zum Sichern der Holzverbindungen gebogen werden. Die 26-jährige Studentin aus Berlin absolviert schon zum dritten Mal ein Workcamp – sogar in Kenia war sie, um Schüler zu unterrichten. Die internationale Gemeinschaft schätzt sie dabei ebenso wie die Gelegenheit, etwas für den Umweltschutz zu tun und gemeinsam eine Aufgabe zu meistern.

Da sie auf dem Bauernhof ihrer Familie aufgewachsen ist, verfügt sie im Gegensatz zur Mehrzahl der Teilnehmer über handwerkliche Erfahrung. Ein besonderes Erlebnis ist der Aufenthalt am Obermain für sie, da ihre Mutter aus Bamberg und der Vater aus Scheßlitz stammen, und sie die Gelegenheit nutzt, bei Ausflügen auf deren Spuren zu wandeln. Begeistert ist sie auch von der guten Aufnahme in Oberküps, wo die Dorfgemeinschaft die Jugendlichen herzlich aufgenommen hat und der Kirchenpfleger sie spontan durch das Gotteshaus führte.

Liesel Winter gibt die Winkeleisen an ihr Team weiter, die damit Querbalken auf den Pfosten fixieren. Nach einem halben Tag gemeinsamer Anstrengungen haben die Jugendlichen auf dem Hang unterhalb des Gipfelkreuzes auf dem Berglein nicht nur eine Terrasse geebnet. Steine haben sie als Unterlagen für die Holzpfosten aufeinandergeschichtet und darauf das Balkengerüst des Unterstands errichtet.

Dass trotz des Einsatzes von Metermaß und Wasserwaage ein Pfosten mal nicht ganz in der Reihe steht, stört Projektleiter Hübner nicht. Schließlich wird das Balkengerüst noch mit Brettern verschalt. „Wegen der Hanglage haben wir spontan umgeplant und den Eingang an die Seitenwand verlegt, und das Dach wird statt mit Eternit aus Dachpappe gedeckt, um Zerstörungen vorzubeugen“, berichtet er. Denn Vandalismus macht den Landschaftspflegern zusätzliche Arbeit. So mussten sie am Berglein den Weidezaun erneuern, weil Unbekannte den Draht zerschnitten und Pfosten aus der Verankerung gerissen hatten. Auch bei den weiteren Einsätzen am Niestener Burgberg und bei Wallersberg erneuerten die Jugendlichen Weidezäune, die Vandalen beschädigt hatten.

Etwa 30 bis 40 Ziegen sollen in dem Unterstand am Berglein Schutz vor Sonne und Unwetter finden. „Die Tiere aus der Herde des Buckendorfer Züchters Daniel Stief sind die idealen Landschaftspfleger für steile Hänge“, berichtet Hübner. So haben sie die Robinienschösslinge, die im vorigen Jahr noch fast mannshoch am Berglein wucherten, derart abgeweidet, dass Mitarbeiter des Landschaftspflegeverbands im Herbst nur noch die Wurzelstöcke roden mussten. Ziegen sind nicht nur geländegängig, sondern sie verschmähen auch holzige und stachelige Triebe nicht, weiß Hübner. Im nächsten Schritt sollen die noch stehenden Robinienstämme, deren Rinde „geringelt“ (eingekerbt) wurde, damit sie absterben, beseitigt werden.

Platz für Kalkaster und Warzenbeißer

Auf dem so entstandenen Magerrasen können sich gefährdete Arten wie die Kalkaster, der Warzenbeißer (eine bedrohte Heuschrecke, die im Landkreis sonst nur noch am Staffelberg vorkommt) oder der Kleine Schlehen-Zipfelfalter wieder entfalten, erklärt Hübner. Somit werde der Einsatz der Jugendlichen wohl noch lange Früchte tragen.

Begegnung und Engagement

Bei einem Workcamp kommen junge Menschen aus der ganzen Welt zusammen, um gemeinsam für zwei bis drei Wochen freiwillig an einem gemeinnützigen Projekt zu arbeiten. Projekte in den Bereichen Natur- und Umweltschutz, Bau und Renovierung, Archäologie und im sozialen oder künstlerischen Bereich bieten vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Die Arbeitszeit beträgt etwa 30 Stunden pro Woche.

Besonders spannend an internationalen Workcamps ist das Zusammenleben mit jungen Menschen aus verschiedenen Ländern. Je nach Camp besteht die Gruppe aus sechs bis 20 Freiwilligen aus unterschiedlichen Nationen. Zwar richtet sich ein Großteil der angebotenen Workcamps an Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren, aber auch ältere Freiwillige sind bei vielen Workcamps herzlich willkommen.

Veranstalter sind ehrenamtliche Organisationen, wie die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd), mit denen der Landschaftspflegeverband im Landkreis Lichtenfels das Workcamp organisiert hat. Informationen gibt's unter www.ijgd.de oder www.ibg-workcamps.org.

Das Projekt nimmt Gestalt an: Einen Unterstand für die Ziegen, die das Gelände am Berglein in Marktgraitz beweiden, errichteten zwölf Jugendliche bei einem internationalen Workcamp. Foto: Gerhard Herrmann