publiziert: 20.03.2017 15:55 Uhr
aktualisiert: 28.03.2017 03:33 Uhr
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Lachen ist die beste Medizin

Als Klinik-Clown lässt Birgit Sauerschell Patienten den Schmerz vergessen - Die hohe Schule der Komik
  • Gruppendynamik: Ausdrucksmöglichkeiten erprobten Klinik-Clowns aus ganz Deutschland bei der Fortbildung in Schloss Schney. FOTOs: Gerhard Herrmann 
    Gerhard Herrmann
  • „Ich glaub, mein Schwein pfeift": Birgit Sauerschell (li.) aus Lichtenfels und Rita Döbl aus Freising beim Improvisieren. 
    Gerhard Herrmann
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Eine Geste oder ein Lied bewirken oft mehr als 1000 Worte. Wenn „Dr. Kaala Knuffl“ alias Birgit Sauerschell mit einem Patienten singt, stimmt oft die ganze geriatrische Station des Coburger Klinikums mit ein. Ein Lächeln huscht über das Gesicht von Patienten, die durch die Demenz wie gelähmt erscheinen, und sie singen gemeinsam „Draußen vor dem Tore ...“ Diese Momente sind es, für die Birgit Sauerschell sich ihr bunt-geblümtes Kostüm überstreift und sich die rote Clowns-Nase ins Gesicht setzt.

Als Klinik-Clown bringt sie seit fast neun Jahren kranke Kinder, Senioren und Menschen mit Behinderung zum Lachen. Einsätze, die ihr viel Kraft abverlangen, die ihr aber auch eine unvergleichliche Freude schenken.

„Lampenfieber kenne ich nicht. Sobald ich mir die rote Nase aufsetze, bin ich Clown.“
Birgit Sauerschell, Klinik-Clown aus Lichtenfels

Eine lustige Pantomime kann Freude schenken, Kinder oder Menschen mit Behinderung aber auch erschrecken. So unbeschwert der Auftritt von „Dr. Kaala Knuffl“ wirkt, so verantwortungsvoll ist ihre Aufgabe. Schließlich erfordert der Umgang mit Kranken und schwachen Menschen besondere Sensibilität und Verantwortungsbewusstsein. Daher können Klinik-Clowns nicht einfach blödeln, bis der Arzt kommt, sondern müssen zweimal im Jahr die Schulbank drücken. Die hohe Schule der Komik lernten 71 Klinik-Clowns aus ganz Deutschland bei einer Fortbildungswoche in Schloss Schney.

„Clowns müssen spontan sein, im Moment leben, wie Kinder“, empfiehlt Hubertus Zorell, Gründer des Clownstheaters „Olé“ aus Wien. Unter seiner Regie lernen die Teilnehmer im Workshop „Clowns haben nichts zu lachen“, wie sie spielerisch Situationen so ausgestalten, dass das Publikum mitfühlt. In weiteren Workshops geht es um die Bühnenpräsenz, Emotionen, Clownsrollen und Rhythmisches, wie Body Percussion und Tango.

„Spontan sein, wie die Kinder“

Dazu gehört auch die Darstellung von negativen Gefühlen, bei der allenfalls die Zuschauer etwas zu lachen haben. Eine Rolle verkörpern, nicht darstellen, und im Zweier-Team improvisieren, lautet die Aufgabe. Spontan sollen Birgit Sauerschell und Rita Döbl aus Freising eine Spielszene improvisieren, in der Sauerschell als dominanter Clown ihre Partnerin zu sehr bedrängt. So lässt sie diese Tanzposen ausüben, bis ihr der Kragen platzt und sie sich beleidigt abwendet. Erschrocken umwirbt Sauerschell die Clownsgefährtin pantomimisch, während die sich in der Rolle der Beleidigten sonnt. Schließlich gelingt es ihr, die Verstimmte durch ein kleines Pfeifkonzert zu erheitern, bis schließlich beide einträchtig um die Wette flöten. Die Zuschauer gehen begeistert mit, lachen herzhaft und geizen nicht mit Beifall. Auch der Kursleiter ist angetan und gibt noch einige Tipps.

Geprobt wird im Duo, weil Klinik-Clowns in der Regel zu zweit auftreten, berichtet Birgit Sauerschell. So können sie im Wechselspiel vielfältige Aktionen improvisieren, sich spielerisch die Bälle zuwerfen und dem Partner bei heiklen Situationen helfen. Beliebt sind vor allem Duos von Männern und Frauen, weil Paar-Geschichten bei den Patienten gut ankommen.

Zu den Klinik-Clowns ist die ausgebildete Psychologin Birgit Sauerschell nicht nur gestoßen, um kranken Menschen zu helfen, sondern auch, um sich selbst neu zu orientieren, als sie nach langjähriger Tätigkeit in der Behindertenarbeit in eine Sackgasse geriet. Die sechs Monate lange Grundausbildung in Freising und die Auftritte in der Coburger Kinderklinik und der Geriatrie haben sie so begeistert, dass sie sie nicht mehr missen möchte. Zweimal in der Woche tritt sie zusammen mit einem Partner auf – neben dem Klinikum Coburg auch im Heilpädagogischen Zentrum in Lichtenfels sowie in Seniorenheimen in Zapfendorf und Bamberg. Als sie vor einem Jahr wieder eine Festanstellung als Sozialpädagogin bei der Diakonie angenommen hat, war ihre Bedingung, nebenher noch so viel Zeit zu haben, um als Klinik-Clown auftreten zu können.

„Lampenfieber kenne ich nicht“, betont die 52-Jährige. „Sobald ich mir die rote Nase aufsetze, bin ich Clown.“ Außerdem sei der Empfang durch Ärzte und Pfleger immer so herzlich, dass sie sich sofort wie zu Hause fühle. Auch Unbeteiligten stehe ein Lächeln im Gesicht, sobald die Clowns auftauchen.

„Ich bin ein fröhlicher Mensch, aber kein Spaßvogel“, betont Birgit Sauerschell. „Menschen, die immer gut drauf sind, sind mir suspekt – da fehlt der Tiefgang.“ Als Clown gehe es auch nicht nur darum, Spaßmacher zu sein, sondern die Menschen zu berühren. Das Lachen öffne die Menschen für Gefühle, die sie sonst so vielleicht nicht zulassen würden. So seien die Senioren oft so angerührt von den Auftritten der Clowns, dass sie weinen. „Die Tränen haben mich am Anfang schon irritiert, aber dann habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, krank im Bett zu liegen und von zwei Clowns besucht zu werden – das ist einfach Rührung“, berichtet sie. So habe sie den Eindruck, dass ihre Auftritte für die Senioren, die weniger Ansprache haben, wichtiger seien als für die Kinder, deren Aufenthalt im Klinikum kürzer sei und die von ihren Eltern umsorgt werden. Nach einigen Besuchen entstünden regelrechte Beziehungen.

Die Konfrontation mit dem Leid, das sie bei ihren Besuchen sieht, bedrückt Birgit Sauerschell weniger, da sie durch ihre Tätigkeit in der Behindertenarbeit oft mit schweren Schicksalen konfrontiert wurde. Für sie steht stattdessen ihr Beitrag, um das Schicksal der Patienten zu erleichtern, im Vordergrund. „Wenn ich die Freude in den Gesichtern sehe, gibt mir das die Energie, um weiterzumachen.“

Kleine Gesten, große Wirkung

Auftritte ohne Sprache, die ihre Improvisations- und Schauspielkunst fordern, liebt Birgit Sauerschell besonders. Bei Kindern kommt die Pantomime besonders gut an, weiß sie. Da springt der Funke schneller über. Und wenn sie dann noch Seifenblasen steigen lässt, sind die kleinen Zuschauer hingerissen. Sogar Teenager, die sich eigentlich als zu erwachsen für Clownereien fühlen, lassen sich durch Seifenblasen begeistern. Schwierig wird's nur manchmal, wenn die Eltern meinen, sich einmischen zu müssen.

Auch als trauernder Clown ist Birgit Sauerschell schon aufgetreten – in der Hospizarbeit auf einer Palliativstation. „Das gehört auch zum Leben“, betont sie. Mit dem Privatleben möchte sie ihre Auftritte allerdings nicht vermischen. So hat sie ein Angebot ihres Arbeitgebers, beim Dekanatskirchentag aufzutreten abgelehnt. Für gute Freunde hat sie zwar schon als Überraschung bei Festen kleine Auftritte vorbereitet und auch mal kleine Szenen improvisiert – aber nicht als Clown.

Wenn Clowns die Schulbank drücken

Durch spielerische Leichtigkeit und spontanes Eingehen auf die jeweilige Situation bezaubern Clowns ihr Publikum. Wie viel Arbeit hinter ihren Auftritten stehen, wird bei der Fortbildungswoche deutlich, die der Dachverband Clowns in Medizin und Pflege Deutschland jetzt in Schloss Schney angeboten hat. Aus dem ganzen Bundesgebiet kommen die 71 Teilnehmer, die in der Dachverbandsakademie mit den renommierten Clownstrainern und –coaches Verena Vondrak und Hubertus Zorell aus Wien, Lila Monti aus Argentinien, Ami Hattab aus Frankreich und Rodrigo Morganti aus Italien an ihren Auftritten gefeilt und neue Improvisationsmethoden erprobt haben.

Der Dachverband steht für Professionalität der Clownsarbeit in Kliniken, Seniorenheimen und therapeutischen Einrichtungen. Seit zehn Jahren vertritt er elf Mitgliedsvereine in zwölf Bundesländern mit über 170 Clowns.

Klinik-Clown ist kein geschützter Begriff. Da die Clowns ständig auf Menschen treffen, die krank, schwach oder nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte sind, sei es wichtig, verantwortungsvoll mit dieser Aufgabe umzugehen, sagt Elisabeth Makepeace, 1. Vorsitzende des Dachverbands. Daher haben die Mitgliedsvereine gemeinsam Qualitätskriterien für die Clownsarbeit und ethische Grundregeln entwickelt. Auch Forschungsvorhaben zur Clownerie unterstützt der Verband. Denn obwohl die heilsame Wirkung der Klinik-Clowns unstrittig ist, gibt es bisher nur wenige Untersuchungen dazu. Nachgewiesen wurde etwa, dass durch die Auftritte das „Glückshormons“ Oxytocin bei den Patienten verstärkt ausgeschüttet wird. Außerdem setzt sich der Verband dafür ein, dass mehr Krankenhäuser professionelle Klinikclowns einsetzen und deren Finanzierung, die bisher vor allem auf Spendenbasis erfolgt, verbessert wird.

Informationen gibt es unter www.dachverband-clowns.de.

Von unserem Redaktionsmitglied Gerhard Herrmann
    
    

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