publiziert: 17.02.2017 17:45 Uhr
aktualisiert: 19.02.2017 10:05 Uhr
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Eine Verführte oder eine Hetzerin?

Die zwei Gesichter der Dichterin Kuni Tremel-Eggert – CHW-Vortrag von Professor Czapla

Wie schwierig die Einordnung von Persönlichkeiten ist, die sich während der Nazi-Diktatur schuldig gemacht haben, zeigt der Umgang mit der in Burgkunstadt geborenen Heimatschriftstellerin Kuni Tremel-Eggert. Darf nach einer Frau, die während des NS-Regimes zu den erfolgreichsten Autoren gehört und in ihrem Spätwerk antisemitische Hetze betrieben hatte, eine Straße benannt werden oder sollten 60 Jahre nach ihrem Tod eher ihre literarischen Verdienste im Vordergrund stehen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Vortrags „Kuni Tremel-Eggert – eine moderne Erzählerin“, die der Literaturprofessor Ralf Georg Czapla auf Einladung des Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) am Donnerstagabend im Burgkunstadter Pfarrsaal hielt.

„Die Stadt würde sich eines wesentlichen Kapitels ihrer Geschichte berauben, wenn das Andenken von Kuni Tremel-Eggert aus dem öffentlichen Bewusstsein

getilgt würde.“

Professor Ralf Georg Czapla, Literaturwissenschaftler

Für Kritik und Anfeindungen hatte bereits die Ankündigung des Vortrags gesorgt. „Wie kann man sich mit einer Nazi-Schriftstellerin beschäftigen, deren Werke verboten gehörten?“ lautete einer der Vorwürfe, denen sich der Heidelberger Professor ausgesetzt sah. Andere forderten ihn auf, sie ins „rechte Licht“ zu rücken. Gemeinsam hatten die Anrufer nur eins: offenbar hatten sie außer Passagen keines ihrer Werke ganz gelesen.

Dass sich Kuni Tremel-Eggert in ihren Texten und der Öffentlichkeit den Nazi-Diktatoren in einer nicht zu entschuldigenden Weise angenähert hatte, erklärte auch Czapla als Bilanz seiner Forschungen zu Biographie und Werk der Autorin. Allerdings betonte er auch den schriftstellerischen Wert ihrer Werke als Beitrag zur Heimatliteratur und zur Geschichte ihrer Heimatstadt Burgkunstadts. Dazu sei es wichtig, zwischen der öffentlichen Person, die sich schuldig gemacht habe, indem sie sich den Nazis andiente, und der privaten Person, die in ihren Tagebüchern (nicht veröffentlicht) keinerlei Nähe zur Nazi-Ideologie zeige. „Die Stadt würde sich eines wesentlichen Kapitels ihrer Geschichte berauben, wenn das Andenken von Kuni Tremel-Eggert aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt würde“, warnte der Professor davor, etwa durch Umbenennung der Kuni-Tremel-Eggert-Straße zu versuchen, die Kritik an der Autorin zu beschwichtigen. „Da könnte man auch ihr Grab auf dem Burgkunstadter Friedhof planieren oder ihr Geburtshaus abreißen“, spielte er auf die Bestrebungen an, das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau abzureißen. Stattdessen regte er eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer ganzen Persönlichkeit und eine Veröffentlichung ihrer Tagebücher an.

„Die Haltung Kuni Tremel-Eggerts zum Nationalsozialismus kann als Zustimmung bezeichnet werden“, zitierte Czapla Abrecht Weber. Das spiegele sich im Roman „Freund Sansibar“, in dem die Hauptperson die Juden als „Eiterbeule im Volkskörper …, aus der quillt alles Unglück, alles Elend, aller Jammer, Not, Tod und Krieg“ bezeichnet.

Judenhetze als Marketing-Strategie?

Diese Übernahme der NS-Ideologie wertet Czapla jedoch nicht als Überzeugung, sondern als Versuch, sich Geltung zu verschaffen, da sie sich in ihren Tagebüchern positiv über Juden äußere und keinerlei Nähe zur NS-Ideologie zeige. Dafür spreche auch ein anbiedernder Brief an den Herausgeber der NSDAP-Hetzschrift „Der Stürmer“ Julius Streicher oder die für die damalige Zeit außergewöhnlich zahlreichen Widmungen in erhaltenen Büchern. „Sie ist ein beredtes Beispiel für die prinzipielle Verführbarkeit des Menschen und dafür, sich aus persönlichen Interessen verführen zu lassen“, betonte Czapla.

Anhand ihrer Dorfgeschichten aus dem Erzählband „Sonnige Heimat“ (1935) erläuterte der Professor, dass die Autorin in ihren Texten keineswegs durchgehend völkische Ideologie transportiere. So schildere sie in der Erzählung „Verräter“ das Burgkunstadter Rathaus und das Obermaintal so stimmungsvoll, wie es dem Besucher noch heute vor Augen stehe. In „Hann“ zeichne sie das realistische Bild der industriellen Arbeitswelt, ohne in die damals gewollten Klischees der Blut- und Boden-Metaphorik zu verfallen. Statt der vom NS-Staat propagierten Mutterrolle zeichne sie moderne Frauengestalten mit einer selbstbestimmten Erotik („Die rote Gina“). Im Kontrast dazu steht jedoch die Erzählung „Jetzt singen sie wieder“, indem sie die Nazi-Bewegung mit ihrer Aufbruchsstimmung und den Marschliedern der SA verherrlicht.

Mit dieser Parteinahme habe die Schriftstellerin offenbar vom Erfolg der Nazis profitieren wollen, schloss Czapla. Auf was sie sich dabei eingelassen habe, sei ihr wohl erst nach dem Tod des einzigen Sohns Günther 1944 beim Kriegseinsatz in Russland deutlich geworden. Mit bitteren Worten habe sie nach 1945 in ihren Tagebüchern den Wiederaufstieg von Nazi-Funktionären kommentiert, während sie in einem Entnazifizierungsverfahren als Mitläuferin zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Als ein Zeichen dafür, dass sie die Problematik ihrer Parteinahme eingesehen habe, wertete Czapla auch Änderungen von Teilen ihrer Werke bei Neuauflagen, in denen sie die NS-Zeit als unheilvoll darstellt.

„Versuch, eine Täterin reinzuwaschen“

Als „Versuch, die Schriftstellerin reinzuwaschen, indem er sich auf ihre Heimaterzählungen konzentriert“, kritisierte der ehemalige Landtagsabgeordnete Otto Schuhmann (SPD) den Vortrag. Kuni Tremel-Eggert habe nicht nur in ihren auflagenstärksten Werke übelste Judenhetze betrieben, sondern auch mehrfach öffentlich in Hetzreden vor „Hitlerjungen“ im Burgkunstadter Freibad, wie von Zeitzeugen überliefert sei. Das zeige, das sie voll hinter dem Regime gestanden habe. Andere Zuhörer verwiesen darauf, dass Autoren im Zusammenhang ihrer Zeit beurteilt werden sollten.

Kuni Tremel-Eggert

Kuni Tremel-Eggert wurde 1889 in Burgkunstadt geboren und zog nach der Heirat mit dem Großkaufmann Eggert nach München. Sie veröffentlichte zwischen 1921 und 1938 acht Romane und Erzählbände und schrieb über 60 Erzählungen. Ihr Roman „Freund Sansibar“ gilt wegen seiner antisemitischen Passagen als Paradebeispiel der Blut- und Bodenliteratur im Sinne der NS-Ideologie, ebenso ihr Roman „Barb“, den sie nach 1945 für eine Neuauflage umschrieb.

1957 wurde sie auf dem Burgkunstadter Friedhof bestattet. 1958 widmete ihr der Stadtrat eine Straße.

Von unserem Redaktionsmitglied Gerhard Herrmann
    
    

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»Alle 28 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

Sabine_Rieder (2 Kommentare) am 21.02.2017 09:48

Rufmord durch Dinglreiter, Weickert und andere

Herr Dinglreiter wird das, was er und seine Sekundanten an Rufmord begangen haben, nicht dadurch ungeschehen machen können, dass er diese Posts jetzt löscht und durch neue ersetzt. Sein Verhalten ist ein Armutszeugnis für die Arbeit des Bürgervereins und seiner Piraten-Partei. Die Verleumdungsaktion gegen Professor Czapla war geplant, die Grenze zu dem, was justiziabel ist, wurde bei weitem überschritten. Herr Dinglreiter wird sich irgendwann dafür verantworten müssen; screenshots mit von ihm und seinen Sekundanten namentlich gekennzeichneten, ehrabschneidenden Beiträgen liegen vor. Als Rechtsanwalt (ich nehme als, dass er als ein solcher arbeitet, eine Website einer Kanzlei gibt es nicht, dafür betreut er die verleumderische Bürger-Wiki) muss er wissen, wo die Grenze erreicht ist. Was hier über einen namhaften Wissenschaftler in die Welt gesetzt wurde, ist unfassbar. Besonders infam der Blog des Dinglreiter-Kumpanen Bernd Weickert, der beim Vortrag gar nicht anwesend war.
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matthiashuth (3 Kommentare) am 21.02.2017 00:34

Fragliche Schlussfolgerung

Ich habe Prof. Czaplas Unterscheidung in Privatperson Kuni Tremel-Eggert und Öffentliche Person Kuni Tremel-Eggert überhaupt nicht nachvollziehen können. Er hat ja eindeutig festgestellt dass sich die Öffentliche Person sehr schuldig gemacht hat.
Ist denn die Privatperson nicht für das Handeln der Öffentlichen Person verantwortlich?
Und wurde nicht durch den Straßennamen die Öffentliche Person, also die Autorin geehrt? Mir wäre neu dass am Straßenschild hier ein Unterschied gemacht wird.
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M-Stern (10 Kommentare) am 21.02.2017 06:19

Zwei Gesichter

Das Posting enthält beleidigende Inhalte und wurde daher gesperrt.
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matthiashuth (3 Kommentare) am 21.02.2017 12:00

Bitte einfach meine Frage beantworten

Ich habe diese Frage auch nach dem Vortrag gestellt, leider aber keine Antwort vom Professor erhalten. Nochmal die Frage: Sie unterscheiden nach öffentlicher und privater Person und bestätigen dass die Taten der öffentlichen Person schändlich sind.
Die Straße ist nach der Öffentlichen Person KTE, also nach der Autorin benannt. Also nach Ihrer Schlussfolgerung nach einer Person die schändliche Taten vollbracht hat. Muss man nach dieser Begründung nicht die Straße umbenennen?
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M-Stern (10 Kommentare) am 21.02.2017 13:54

Wunden der Geschichte sind nicht heilbar

Hat der Bildersturm der Protestanten zu einem vertieften religiösen Verständnis geführt, geehrter Herr Huth? Würde die Planierung der Gelände von Bergen Belsen und Buchenwald verhindern, dass ein solcher Massenmord noch einmal passiert? Was bringt es, eine Straße umzubenennen, wenn sich die Herzen der Menschen nicht ändern? Herr Dingelreiter und sein "Lager" fordern, den Namen der Tremel-Eggert wegzunehmen: Springt deshalb einer mehr von den Neonazis ab oder wendet sich einer weniger ihnen zu? Bei uns ist die Geschichte Teil unseres Lebens, so grausam und ungerecht sie ist. Sie aber glauben, mit Verdrängung Wunden der Geschichte heilen zu können, und benehmen sich wie jene, die Wunden schlugen. Rufmord ist schandbar. Auch der Churban meines Volkes begann damit.
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