LICHTENFELS

Die Rechte sterbender Menschen

Eine gute und nachfühlende Zuhörerin im Gespräch mit Roland Martin Hanke. FOTOS: Markus Häggberg Foto: Markus Häggberg

Als „Wiederholungstäter“ wurde Roland Martin Hanke irgendwann im Laufe des Donnerstagabends bezeichnet. Tatsächlich ist der Palliativmediziner aus Fürth schon zum wiederholten Male Gast des Hospizvereins in Lichtenfels gewesen. Diesmal führte er im Myconiushaus Gedanken zu den Rechten Sterbender aus.

Die Frage an das Publikum war provokant und irreführend, vor allem ganz heimtückisch: „Wann ist ein Mensch tot?“ Die wohl 80 Zuhörer im voll besetzten Saal des Myconiushauses sahen sich an, begannen zu sinnieren. Wie mag das der Referent jetzt wohl gemeint haben, doch nicht etwa im medizinischen Sinne?

Entlarvende Antwort

Die Antwort Hankes war so unerwartet wie gesellschaftsentlarvend: „Der Mensch ist sozial gestorben, sobald er den eigenen Tod bekanntgibt.“ Das verblüffte im Publikum, ein Raunen ging durch die Reihen. Obwohl ein Mensch also noch unter den Lebenden weilt, scheinen andere Gesetze für ihn zu gelten? Falsch! Hanke ging es vielmehr um einen ethischen Kodex, darum, wie man sich einem Sterbenden nähert, wie man auf ihn eingeht und welche Rechte er abseits des BGB oder des Strafrechts im Umgang mit ihm für sich beanspruchen darf. Die Spur führt nach USA.

David Kessler - den Namen durften die wenigsten Menschen im Publikum, bestehend aus Mitarbeitern im Hospizwesen, im Alten- und Pflegedienst oder aus Menschen mit zu pflegenden Angehörigen, bislang gehört haben. Bemüht man das Internet, bietet es einem zunächst einen New Yorker Rechtsanwalt an. Dann aber stößt man auf einen Autoren, Aktivisten und Experten für Sterbevorgänge, der gar gemeinsam mit der in Hospizkreisen besonders berühmten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross Artikel und Bücher verfasste.

Dieser Mann (68) postulierte einen Kanon an Rechten Sterbender, zwölf Punkte umfassend. Eine Stunde lang listete Hanke nicht nur diese Rechte auf, sondern ging auch auf Einzelfälle aus der Praxis ein, veranschaulichte dadurch den Sinn der von Kessler formulierten Ansichten. So habe ein Scheidender das Recht, den Prozess des Todes zu verstehen und auf alle Fragen ehrliche und vollständige Antworten zu erhalten.

Und auch ein Recht darauf, von mitfühlenden, sensiblen und kompetenten Menschen gepflegt zu werden, die sich bemühen, die Bedürfnisse des Kranken zu verstehen. Punkt um Punkt ging Hanke auf die von Kessler erarbeiteten Sichten ein und konnte sogar aufzeigen, dass manche dieser, die zugegebenermaßen oft theoretischer Natur sind, praktisches Gewicht bei Gesetzesgebern erreichten.

Wichtige Gesetze

„Durch Hospiz- und Palliativgesetze sind diese Rechte zum Teil schon umgesetzt“, so Hanke. Doch, das Publikum hing dem Mann an den Lippen. „Klasse, klasse - dem Mann kann man ja stundenlang zuhören“, so eine Frau im Saal. Was an dem Mann, der Mediziner und somit Wissenschaftler ist, auffiel, war eine in solchen Kreisen nicht immer selbstverständliche Offenheit gegenüber Spirituellem. An diesem Punkt zeigte sich der Referent aus Fürth, seines Zeichens auch Vorsitzender des dortigen Hospizvereins, gerade auch die Sicht Kesslers begrüßend, wonach der Wunsch nach Geistigem und Geistlichem beim Sterbenden wertvoll ist.

„Spiritualität heißt anerkennen, dass es über uns etwas geben könnte, dass Kraft gibt und lenkt.“ Und: „Spirituelle Kraft ist stärker als jede Spritze.“ Solche Sätze fallen von Ärzten nicht immer.

Beinahe eineinhalb Stunden nahm sich Hanke auf Einladung von Evelyn Kondruss, Vorsitzende des Lichtefelser Hospizvereins, Zeit, Kesslers Kanon aufzugreifen und auf Fragen aus dem Publikum einzugehen. Der Zuhörerstrom ist gleichbleibend, der Mann erfreut sich erkennbar einer gewissen Beliebtheit in Lichtenfels. Und er wird wiederkommen: „Mit neuem Thema 2018.“ Zuhörerschaft in einem vollen Saal dürfte ihm schon jetzt gewiss sein.

Roland Martin Hankes Vortrag machte Appetit auf Informationsmaterial. Foto: Markus Häggberg