Lichtenfels ebnet Weg für Kultsendung

 

An Lichtenfels habe ich gute Erinnerungen. Es war der Startschuss für Fastnacht in Franken“: Bruno Gold kramt in seinem Gedächtnis. Der 69-Jährige aus Veitshöchheim ist seit 30 Jahren ununterbrochen Akteur bei der Prunksitzung des Bayerischen Fernsehens. Am 20. Februar 1987 gehörte der Unterfranke zu den Akteuren der Premierensendung: Der BR übertrug damals aus Lichtenfels erstmals live eine abendfüllende Sendung mit Elferrat, Büttenreden, Tanzmariechen und Musikeinlagen. In Veitshöchheim geht an diesem Freitag die Kultsendung „Fastnacht in Franken“ wieder über die Bühne. Bruno Gold wird zum letzten Mal dabei sein. „Mit 70 ist Schluss“, sagt er.

„Wenn der in den Spiegel guckt, dann ist das keine Eitelkeit, sondern Tapferkeit.“
Gebrüder Narr, zum Sitzungspräsidenten vor 30 Jahren

Es war bitterkalt, so erinnern sich BR-Akteure, die am 20. Februar vor 30 Jahren an den Obermain kamen. In der heute noch rege genutzten Mehrzweckhalle an der Friedenslinde wurden globige TV-Kameras aufgebaut. Regisseur Johannes Wagner ließ den Saal mit „traditionellen Fastnachtsmasken dekorieren“, schreibt Dorit Schatz in ihrem Buch „25 Jahre Fastnacht in Franken“. Die weiß gedeckten Tische und die Stühle standen in langen Reihen. Das Lichtenfelser Wappen zierte die Bütt. Die wenig fernsehtaugliche Tribüne im Hintergrund wurde nicht ausgeleuchtet. Dort mussten mangels Aufenthaltsraum allerdings die Akteure Platz nehmen und auf ihren Auftritt warten. Zwischen 15 und 20 Mark kostete es pro Besucher, um bei dem Fernsehereignis in der Halle am Obermain dabei sein zu können. Am Tag vor der Live-Sendung gab es zudem eine „Generalprobe mit Publikum“. Acht Mark kostete da der Eintritt. Die Tickets konnten beim Fastnacht-Verband Franken und beim Fremdenverkehrsamt der Korbstadt geordert werden. Der Vorverkauf verlief schleppend. Die Lichtenfelser waren mit den Preisen offenbar nicht so richtig einverstanden. Damit keine Plätze leer blieben, lud der Fastnacht-Verband die Bewohner eines Altenheims ein, so Dorit Schatz.

„Die Halle in Lichtenfels war ziemlich düster“, erinnert sich Bruno Gold. Als Mitglied der „Gebrüder Narr“, einer zu dieser Zeit in ganz Deutschland gefragten fränkischen Fastnachts-Institution aus vier Sängern und einem Klavierspieler, trat er 1987 in Lichtenfels auf. In Frack und Zylinder legte die Truppe einen knapp 20-minütigen Auftritt hin, der in der Mediathek des BR nacherlebt werden kann.

Für den Baritonsänger Gold und seine Kollegen war das Gastspiel der erste Auftritt in einer Live-Sendung. „Da sin mer heud amaal, in Lichtenfels im schöne Saal, heud wolle mers euch mal sache, heud nemme mer den Präsidend am Krache, heut werds schöö.“ Mit diesem Satz und einem stoischen Gesichtsausdruck legten die „Gebrüder Narr“ los.

An den Tischen saß überwiegend dezent maskiertes und verkleidetes Publikum. Dem Aussehen entsprechend eher seriös und betont untertrieben, konnten die Karlstädter das Publikum auch ohne Tusch des Orchesters zum Lachen und Klatschen bringen. Witz, Wortspiel und Reim prägten ihren Auftritt vor 30 Jahren. Der Sitzungspräsident und zwei hochrangige Gäste aus der Politik mussten für Schadenfreude und Gelächter herhalten. Staatssekretär Simon Nüssel mache ein „dummes Gesicht.“ Der CSU-Politiker lachte, als er das vernahm. „Er hat 100 Mark beim Rennen verloren. Wäre er halt nicht gerannt“, hieß es von der Bühne.

„Die Beamten der Lichtenfelser Stadtverwaltung dürfen morgens nicht mehr aus dem Fenster schauen. Wieso? Weil sie sonst nachmittags nichts mehr zu tun haben.“
Gebrüder Narr, „Fastnacht in Franken“ 1987

Sitzungspräsident Albert Erhardt bekam sein Fett weg. „Der hat auch mal klein angefangen“, sagten die Gebrüder Narr. „Nur mit seiner Intelligenz. Also praktisch mit rein gar nichts.“ Der Mann in der Mitte des Elferrates an der Bühnenseite trug es mit Humor, ebenso wie die folgende auf ihn gemünzte Beschreibung: „Wenn der in den Spiegel guckt, dann ist das keine Eitelkeit, sondern Tapferkeit.“ Der damalige Fraktionschef der bayerischen SPD, Karl-Heinz Hiersemann, hatte vor 30 Jahren ebenfalls den Weg nach Lichtenfels gefunden. Dem stämmigen Mann gratulierten „Gebrüder Narr“ zu ersten Erfolgen beim Abnehmen: „Er hat zehn Pfund nach England überwiesen“. Stellvertretend für die Beamten, über die bis heute gerne Witze gemacht werden, mussten schließlich Lichtenfelser herhalten: „Die Beamten der Lichtenfelser Stadtverwaltung dürfen morgens nicht mehr aus dem Fenster schauen.“ „Wieso?“ „Weil sie sonst nachmittags nichts mehr zu tun haben.“ Wenig geschmackvolle Witze über Frauen und Abrechnungen mit der aufdringlichen Verwandtschaft rundeten das Programm der Narr-Brüder ab.

Einmaliges Ereignis für Lichtenfels

Dass Lichtenfels vor 30 Jahren in den Genuss als Ort einer Live-Sendung fürs Abendprogramm kam, gehört bis heute zu den Höhepunkten der Stadtgeschichte. Die Korbstadt machte bayernweit Schlagzeilen. Von Anfang an war allerdings klar, dass es für die Stadt höchstwahrscheinlich ein einmaliges Erlebnis bleiben wird. Damals hatte der Fastnachtsverband festgelegt, dass die Sendung im jährlichen Turnus aus Unter-, Mittel- und Oberfranken gesendet wird. Dazu ist es bekanntlich nicht gekommen. Die Einschaltquote der ersten Sendung „Fastnacht in Franken“ lag mit 21 Prozent „noch selten so hoch“, wie Sitzungspräsident Erhardt kurze Zeit später sagte. Der Sender hatte der Live-Übertragung damals schon einen Trailer vorgeschaltet. „Ein Till Eulenspiegel turnt durch die Gassen und stellt so das Städtchen vor, in dem die große Prunksitzung Premiere feiert“, erinnert sich Dorit Schatz.

Der Faschingsvereinsvizepräsident und Entertainer Egon Helmhagen führte mit der beliebten BR-Moderatorin Edda Schönherz durch die Sendung in Lichtenfels. Der Nürnberger hat ebenfalls angenehme Erinnerungen an die Premiere. „Es ging kollegial zu und wir alle wollten ja das Beste draus machen“, erzählte er der Buchautorin Schatz.

„Keine Zugaben möglich“

Hans-Jürgen Döll-Kade alias Joe Doell sieht das ähnlich. Er begleitete vor 30 Jahren auf der Bühne in Lichtenfels am Klavier seine „Gebrüder Narr“. Auch er ist seit 30 Jahren ununterbrochen bei „Fastnacht in Franken“ dabei. Mit Bruno Gold gehört er heute zu den „Parodis“, die in Veitshöchheim mit Witz und brillantem Chorgesang überzeugen.

Zweieinhalb Stunden habe die Live-Sendung vor 30 Jahren gedauert, erinnert er sich. Das Sechs-Mann- Orchester Alfred Fuchs habe für Musik gesorgt. „Ich habe nie mit einem derartigen Erfolg von Fastnacht in Franken gerechnet“, sagt Döll-Kade dieser Redaktion. Die Sendung in Lichtenfels habe er „ehrlich gesagt gar nicht so ernst genommen.“ Die Veranstaltung sei mehr „ein bunter Abend“ gewesen. „Der Sitzungspräsident war streng. Er hat keine Zugaben geduldet. Das Zeitkorsett war ganz eng“. Döll-Kade ist nach dem Gastspiel vor 30 Jahren noch ein paar Mal am Obermain aufgetreten. Heute betreibt er in Karlstadt eine Musikschule. Für den „Parodi“ ist die Live-Sendung aus Lichtenfels rückblickend ganz wichtig für die Zukunft des Fastnachts-TV-Straßenfegers gewesen: „Wäre es total in die Hose gegangen, dann hätte die Sendung wohl keine Zukunft gehabt.“

Die Mitwirkenden 1987

Präsentation: Albert Erhardt mit Edda Schönherz und Egon Helmhagen.

Mitwirkende:

Musikkapelle Alfred Fuchs,

Garde Hof,

Wolfgang Düringer,

Ute und Uwe Weiherer, Bütt,

Das Hasenterzett,

Manfred Denninger, Bütt,

Annette von Frankenberg, Tanzmariechen, RCV Roth,

Die Rhönhexen aus Schweinfurt,

Hans-Joachim Schumacher, Bütt,

Die Zwei Peterlesboum ,

Detlef Wagenthaler, Bütt,

Die Gebrüder Narr, Bütt,

Hermann Voit, Bütt,

Sylvia Janker, Bütt,

Gerd Fischer, Bütt,

Gardetanz „Die Zwetschgenmännle" AK 04 Nürnberg.