publiziert: 11.01.2017 17:55 Uhr
aktualisiert: 19.01.2017 03:33 Uhr
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Damit es in Zukunft noch „Mäh“ macht

Schwere Zeiten für Berufsschäfer und ihre Tiere – BBV klagt über „fatale Lage“ der Landwirte
  • Anton Wunderlich erläutert Kreisobmann Michael Bienlein (li.) und Kreisbäuerin Marion Warmuth die Probleme seiner Schafhaltung. 
    Foto: Andreas Welz
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Die Berufsschäfer sorgen sich um ihre Zunft. Etwa 2000 Berufsschäfer gibt es noch in Deutschland. Die EU-Agrarreformen und der Boom der Biogasanlagen machen ihnen das Leben schwer. Dass ein Sohn den Betrieb des Vaters übernehmen will ist die große Ausnahme. Vor diesem Hintergrund informierte sich der Kreisverband des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) auf dem Hof von Wanderschäfer Anton Wunderlich bei Mönchkröttendorf (das Obermain Tagblatt berichtete ausführlich in seiner Dienstagsausgabe).

BBV-Obmann Michael Bienlein erinnerte an die, wie er sagte, fatale Lage der Landwirte, zu denen er auch den Wanderschäfer Wunderlich zählte. Bauern versorgten die Bevölkerung mit hochwertigen heimischen Lebensmitteln. Die Produkte seien ein wesentlicher Bestandteil der Wertschöpfungskette in unserer Region und machten es möglich, dass auch Grünland über den Magen der Wiederkäuer zur Erzeugung von Lebensmitteln genutzt werden könne. „Wir gehen verantwortungsvoll mit den Tieren um, respektieren sie als Lebewesen“. Kreisbäuerin Marion Warmuth ergänzte: „Unsere Tierhaltung ist artgerecht und darf nicht mit der Haltung von Haustieren verwechselt werden“. Das Tierwohl liege allen Milch- und Fleischerzeugern am Herzen.

Bienlein wies auf die Großveranstaltung der Bauern am 21. Januar in Berlin hin, die unter dem Motto stehe: „Wir haben die Agrarindustrie satt - wir machen die Menschen satt“. Bäuerinnen und Bauern, Lebensmittelhandwerker und kritische Konsumenten werden zum siebten Mal gemeinsam für gesundes Essen, eine bäuerlich-ökologischere Landwirtschaft und fairen Handel demonstrieren.

„Im Jahr der Bundestagswahl wollen wir die Agrar- und Ernährungswende zum zentralen politischen Thema machen“, erläuterte der BBV-Funktionär.

Wunderlich ging auf die Probleme seiner Berufskollegen ein. „In Brüssel und Straßburg braut sich aus unserer Sicht Unheil zusammen. So gehört zu den EU-Agrarreformen der vergangenen Jahre, dass die Subventionen Schritt für Schritt auf entkoppelte Flächenprämien umgestellt werden sollen. Was auf den Feldern wächst und welche Tiere dort grasen, spielt in diesem Modell keine Rolle mehr. Die Idee: Die Bauern sollen ihre Äcker nach Marktlage bestellen - und nicht danach, wofür sie die höchsten Subventionen bekommen.

Im 19. Jahrhundert grasten in Deutschland noch etwa 28 Millionen Schafe, heute sind es nur noch 2,4 Millionen. Etwa 2000 Berufsschäfer gibt es noch, in den vergangenen fünf Jahren ging ihre Zahl um ein Fünftel zurück. Koppelschäfer, die ihre Tiere auf einer Weide und im Stall halten, sind in der Minderheit. Die Mehrheit, die Hüteschäfer, pachtet Sommerweiden für die Tiere, auch Naturschutzgebiete oder Auen. Sind diese Flächen abgegrast, ziehen sie weiter auf fremde Flächen, abgeerntete Kartoffeläcker oder abgegraste Kuhweiden etwa.

Manch ein Bauer sei froh über den Besuch, weil es nützlich sei, wenn Schafe die Reste abweideten. Andere rechneten ihnen dagegen vor, wie viel sie vom örtlichen Biogasanlagenbetreiber für das Grünzeug bekämen. „Es macht den Schäfern Schwierigkeiten, wenn die Bauern ihre Anlagen mit allem füttern, was übrig bleibt“, zitierte Wunderlich den Vorsitzenden der Schafzuchtverbände.

Neben dem Boom der Biogasanlagen mache den Schäfern auch die wachsende Bürokratie zu schaffen. Besonders die Einzelkennzeichnung der Tiere treibe den Berufsstand auf die Barrikaden. Früher wurden die Bestände gekennzeichnet - man konnte an der Ohrmarke erkennen, zu welchem Schäfer ein Tier gehört. Heute aber soll jedes Schaf eine individuelle Ohrmarke haben. Für teuer und nicht praktikabel halte er die verpflichtende elektronische Kennzeichnung. Aus seiner Sicht verteuert das alles die Kennzeichnung um das Fünffache.

Der Durchschnittsdeutsche isst etwa ein Kilogramm Lammfleisch im Jahr. Nur die Hälfte des Bedarfs kann aus der heimischen Schafwirtschaft gedeckt werden. Der Rest kommt aus dem Ausland, meistens vom anderen Ende der Welt.

Auf den weiten Flächen Neuseelands, die wegen der langen Vegetationsphase viel mehr Futter bieten als die deutschen Wiesen, ist Schafzucht im großen Stil und zu geringen Kosten möglich. In Deutschland dagegen leben die Schäfer im Schnitt nur zur Hälfte von ihren Erzeugnissen - vor allem vom Fleisch, weil sie an der Wolle kaum etwas verdienen. Die andere Hälfte ihres Einkommens bestreiten sie aus den Agrarhilfen. Kein Wunder also, dass Schäfer wie Wunderlich große Sorgen haben. Es gibt sie noch, die Wanderschäfer wie Anton Wunderlich einer ist, aber sie werden immer weniger. „Mäh statt mähen“ gilt es im Auftrag der Naturschutzbehörde, die wertvollen geschützten Grasrasen zu erhalten. Nach etwa zwei Tagen ist alles abgegrast, Sträucher sind auf ein erträgliches Maß zurückgesetzt und so manch kleiner Baum oder Strauch, der über die Jahre aus den offenen Weiden einen Wald machen würde, von den gefräßigen Ziegen angeknabbert, gestutzt und zurückgedrängt. Aus diesem Grund hat Schäfer Wunderlich auch 90 Ziegen in seiner Herde von 1500 Merino-Mutterschafen. Nicht zuletzt erhält er dafür Fördergelder.

Gut leben kann er von seinem Beruf nicht. Seine Einnahmen bestehen aus Fördermitteln nach der Landschaftspflegerichtlinie, die das Land Bayern für die Pflege besonders hochwertiger und schützenswerter Flächen zur Verfügung stellt und aus landwirtschaftlichen Fördergeldern. Auch der Verkauf von Lammfleisch trägt zum Einkommen bei. Der Verkauf von Wolle spiele eine untergeordnete Rolle, die Schur sei „Gesundheitsarbeit am Tier“, sagte er.

Von unserem Mitarbeiter

Andreas Welz

    
    

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