LICHTENFELS

Von ergreifender Innigkeit

Bass Thomas Gropper (v. li.), Tenor Reiner Geißdörfer, Alt Diana Schmid und Sopran Stefanie Fersch zeichneten sich als S... Foto: Joachim Wegner

Es gibt kein großartigeres musikalisches Symbol für Weihnachten! Johann Sebastian Bachs »Weihnachts-Oratorium« vereint alles, was diese Zeit ausmacht: barocken Glanz mit zärtlichem Musizieren, erhabene Festlichkeit mit ergreifender Innigkeit. Genau deshalb gehört seine Aufführung auch im Dekanat Michelau zum unentbehrlichen Repertoire der Weihnachtszeit.

In diesem Jahr erklang in der vollbesetzten Martin-Luther-Kirche in Lichtenfels das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, das die Geburt Jesu Christi im Stall von Bethlehem, die Anbetung durch die Hirten und der drei Weisen aus dem Morgenland thematisiert, am ersten Sonntag nach Epiphanias. Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Klaus Bormann sorgten der Lorenz-Bach-Chor und die in Lichtenfels mittlerweile gut bekannte Vogtlandphilharmonie nebst den Solisten für ein opulentes Hörerlebnis. Imposante Choräle, ausdrucksvolle Arien und festlicher Jubel kennzeichnen das Meisterwerk des Komponisten.

Sechs einzelne Kantaten

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach gehört zu den beliebtesten und am häufigsten gespielten Werken des Komponisten. Es ist jedoch kein im Ganzen komponiertes Musikstück, sondern wurde von Bach aus sechs einzelnen Kantaten zusammengefügt – jede von ihnen verfasste er für die damals noch üblichen sechs Feiertage in der Weihnachtszeit.

Besetzt ist dieses Meisterwerk mit fünf Solisten - Sopran, Echosopran, Alt, Tenor und Bass - von denen der Tenor als Erzähler der Weihnachtsgeschichte eine hervorgehobene Stellung einnimmt. Jede der Kantaten wird durch einen festlichen Chorsatz eingeleitet, wobei der Schlusschoral des letzten Teils besonders umfangreich und festlich ausgearbeitet ist und das Oratorium gebührend abrundet.

Ein zeitloses Werk

Das Lichtenfelser Publikum erlebte ein zeitloses Werk, das festlicher nicht sein könnte und die heilige Weihnachtszeit mit Jubel, Glanz und Fröhlichkeit willkommen heißt.

Als Johann Sebastian Bach 1734 sein Weihnachtsoratorium aus zuvor entstandenen weltlichen Werken, bekannten Liedern und einigen neuen Kompositionen zusammensetzte, ahnte er wahrscheinlich kaum, welcher Beliebtheit sich das Opus Jahrhunderte nach seinem Tod erfreuen würde. Bachs monumentales Vokalwerk ist vielen Musikfreunden ein Synonym für Hoffnung, Freude, Glanz und gewissermaßen ein „hörbares“ Licht in der dunkelsten Zeit des Jahres. Lange Zeit war das Werk mit der Weihnachtsgeschichte völlig in Vergessenheit geraten: Erst die Wiederentdeckung durch Felix Mendelssohn-Bartholdy ebnete den Weg für seinen noch heute andauernden Ruhm.

Für Bach hatte das Oratorium eine unauflösliche Doppelfunktion als Bericht und Bekenntnis. Es sollte zum einen die biblische Geschichte von der Geburt Jesu erzählen, durchaus unter Zuhilfenahme instrumentaler und theatralischer Effekte, zum anderen aber auf die Seele des einzelnen Hörers einwirken und in diesem ein geistiges, geistliches Geburtserlebnis auslösen.

Zur Jahreswende 1734/35 begann Johann Sebastian Bach mit der Aufführung des in sechs Teile gegliederten Weihnachtsoratoriums. Im Grunde ist dieses Werk ein Zyklus aus sechs in sich abgeschlossenen Kantaten, die an den verschiedenen Feiertagen der Weihnachtszeit (1.-3. Weihnachtsfeiertag, Neujahr, Sonntag nach Neujahr, Epiphanias) als Gottesdienstmusiken erklangen. In diesem Jahr waren in der Martin-Luther-Kirche die Kantaten vier bis sechs zu hören. Im vierten Teil des Werks, fast ausschließlich kontemplativ gehaltenen Teil, wird die Beschneidung Christi thematisiert. Hinsichtlich Inhalt, Besetzung und Tonart nimmt Kantate Vier eine Sonderstellung innerhalb des »Weihnachtsoratoriums« ein und wird deshalb auch als »Kontrapunkt“ zum Weihnachtsgeschehen angesehen. Nicht die Beschneidung, sondern die Namensgebung Jesu bildet dabei den Ausgangspunkt für die dominierenden betrachtenden Sätze.

Besuch aus dem Morgenland

Kantate Fünf schildert den Besuch der Weisen aus dem Morgenland bei Herodes und die Suche nach dem Jesuskind. Ihm schließt sich der das Gesamtwerk abschließende sechste Teil an. In ihm stehen Herodes als Stellvertreter aller Christus-Feinde auf der einen und die Christus-Nachfolger, die auf den Glauben bauen und so dem Feind trotzen, auf der anderen Seite im Mittelpunkt. Nach den zahlreichen weihnachtlich-beschaulichen Sätzen der vorangegangenen Teile trumpft der sehr komplexe und technisch anspruchsvolle Eröffnungschor »Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben« mit geradezu kriegerischen Klängen auf. Auffallend ist, dass das Orchester nicht wie in den übrigen Sätzen dem Chor begleitend zur Seite gestellt ist, sondern wie ein »fünfter Mann« die vier Stimmgruppen im Kampf unterstützt.

In der Schlussphase vereinigen sich schließlich Chor und Orchester zum dynamischen Höhepunkt des gesamten Oratoriums. Der Satz „Nun seid ihr wohl gerochen“ übertrifft alle vorangegangen Choralsätze an Umfang und Glanz und setzt einen prächtigen Schlusspunkt hinter Bachs »Weihnachtsoratorium«.

Überzeugende Musiker

Als Solisten brillierte Stefanie Fersch im Sopran, während Diana Schmid in der Stimmlage Alt glänzte. Tenor Reiner Geißdörfer hatte die tragende Rolle des Evangelisten übernommen und Thomas Gropper erfreute seine Zuhörer als Baß. Auf der Kanzel ließ Stephanie Spörl das Echo der Sopranarie „Flößt, mein Heiland, flößt dein Namen“ erklingen. Meisterhaft agierte der Bayreuther Dekanatskantor Michael Dorn an der Orgel mit deutlich erkennbarer Spielfreude. Vogtlandphilharmonie und Lorenz-Bach-Chor leistetem Großartiges unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Klaus Bormann und wurden für ihr virtuoses Musizieren vom Lichtenfelser Publikum mit viel Beifall bedacht. Erst nach der Zugabe des Chorals „Ich steh an deiner Krippen hier“ durften sie abtreten. Dieses großartige Konzerterlebnis wird noch lange in sehr guter Erinnerung bleiben.

Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Klaus Bormann brillierte die in Lichtenfels mittlerweile gut bekannte Vogtlandphilharmonie und stellte ihr hohes musikalisches Niveau erneut unter Beweis. Foto: Joachim Wegner