publiziert: 11.01.2017 17:10 Uhr
aktualisiert: 19.01.2017 03:33 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text ALTENKUNSTADT

Ein Erzähler als Pädagoge in Bolivien

Andreas Motschmann unterrichtet an Deutscher Schule in La Paz – Land mit allen Reizen Südamerikas
  • Andreas Motschmann arbeitet an einer deutschen Schule in La Paz. Alle zwei Jahre besucht er die Familie am Obermain. Schöne Erinnerungen verbindet er mit dem Haus seines verstorbenen Bruders Josef in Schönbrunn, bei dessen Renovierung er mitgeholfen hatte. 
    Foto: Gerhard Herrmann
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Der Christbaum ist aus Kunststoff – geschmückt wird er mit Glaskugeln aus Lauscha und mit Tonfigürchen, die für die Indios besondere Wünsche symbolisieren – Miniaturhäuser, -autos oder -waschmaschinen. Ein Ventilator wirbelt die rund 25 bis 35 Grad warme Luft um. Als Festessen gibt's statt Gänsebraten eine Suppe mit vier verschiedenen Fleischsorten und Kartoffeln. Die Erinnerung an seine Heimat am Obermain prägt Andreas Motschmann ebenso wie die Liebe zum Gastland Bolivien. Seit zehn Jahren arbeitet der Pädagoge an der Deutschen Schule Colegio Alemán Mariscal Braun in La Paz.

Ursprünglich war die Stelle in Bolivien auf zwei Jahre beschränkt, inzwischen hat Motschmann sie immer wieder verlängert und er kann sich kaum vorstellen, noch einmal in der früheren Heimat zu wohnen. Der Zauber Boliviens, das nach Motschmanns Ansicht sämtliche Reize Südamerikas von 6 000 Meter hohen Gebirgsketten bis zum subtropischen Regenwald komprimiert bietet, hat den 59-Jährigen verwandelt. Das Leben in Deutschland mit seiner Reizüberflutung und dem Trend zu Individualismus und Konsum reizt ihn nicht mehr.

Als Auswanderer oder Abenteurer, wie sie in Reality-Sendungen der Privatsender gezeigt werden, hat sich Motschmann nie gefühlt. Der gelernte Erzieher und Märchenerzähler hatte nach der Familienphase mit seiner damaligen Frau das Gefühl in einer Sackgasse zu stecken und wollte etwas Neues ausprobieren. „Wir hatten die fünf Kinder meiner Frau und eine gemeinsame Tochter erzogen, und nach deren Auszug sind wir in ein Loch gefallen und mussten etwas Neues ausprobieren“, erklärt Motschmann. Eine Frühstückspension in Montenegro und andere Geschäftsmodelle, mit denen die Eheleuten in Gedanken spielten, erwiesen sich mangels Berufspraxis, Landeskenntnis und Startkapital als zu unsicher. Den Ausschlag gab schließlich eine Stellenausschreibung der Bundeszentrale für das Auslandschulwesen.

Neues Unterrichtskonzept

Dass Motschmann ohne nennenswerte Spanisch-Kenntnisse den Zuschlag erhielt, scheint ihn auch ein Jahrzehnt später noch mit dankbarem Staunen zu erfüllen. Hals über Kopf organisierten die Eheleute die Reise über den Ozean, vermieteten das Haus in Coburg und alles Notwendige musste in der Rekordzeit von sieben Wochen geregelt werden.

Nicht nur die Sprache, die Motschmann in Intensivkursen lernte, war eine Hürde: „95 Prozent meiner bisherigen Kindergartenarbeit konnte ich vergessen“. Stattdessen stand die Sprachförderung für die Vorschulkinder des Kindergartens der Schule neben Grundschulprojekten im Vordergrund. So entwickelte er Fingerspiele und einfache Lieder in deutscher Sprache entsprechend dem Wissensstand der Kinder. Im Laufe eines Jahrzehnts entwickelte Motschmann zusammen mit der Leiterin und anderen Kolleginnen eine neue Konzeption für den Lehrplan des Kindergartens.

„Mit meiner weichen, fränkischen Sprachfärbung falle ich unter den

Einheimischen kaum noch auf, während die norddeutschen Kollegen sich durch ihren harten Akzent sofort verraten.“

Andreas Motschmann, Erzieher

Das Colegio Alemán Mariscal Braun mit rund 1200 Schülern gilt als eine der fünf besten Privatschulen in La Paz. Der Unterricht beginnt mit der Vorschule, wo die Kinder bereits Deutsch als erste Fremdsprache lernen. Die Privatschule ist vor allem für die gehobene Mittelschicht sehr attraktiv, da sie den Absolventen ein späteres Studium in Deutschland oder den USA ermöglicht und das pädagogische Niveau weit über dem der staatlichen Schulen liegt.

Nach einem knappen Jahr in Bolivien ging Motschmann das Spanisch flüssig von den Lippen. „Mit meiner weichen, fränkischen Sprachfärbung falle ich unter den Einheimischen kaum noch auf, während die norddeutschen Kollegen sich durch ihren harten Akzent sofort verraten“, scherzt Motschmann.

Nicht nur bei der Sprache hat sich der Oberfranke in Bolivien akklimatisiert. Das einfache, ruhige und eher beschauliche Leben mit großem Zusammenhalt von Familien und Freunden und den Straßen voller quirliger Händler, die ihre Läden bis in die Nacht geöffnet haben, begeistert ihn. Ist er doch selbst im Langheimer Hof in Altenkunstadt in den 1960-er Jahren noch in der bäuerlichen Tradition aufgewachsen. Das trockene Klima des bolivianischen Hochlands rund um La Paz findet Motschmann ebenso reizvoll, wie die Weiten des Titicacasees oder die subtropischen Gefilde der Tiefebene, aus der seine zweite Frau stammt.

„Ich habe mich in Bolivien sofort wohlgefühlt und als mich meine Spanischlehrerin nach einem Jahr fragte, was ich von Deutschland vermisse, musste ich lange nachdenken, bevor mir etwas eingefallen ist“, berichtet er. Es seien eher Kleinigkeiten, wie etwa Rollmöpse, die ihm gelegentlich fehlten. Wenn er mal Lust auf Klöße hat, kocht er sie selbst. Und über Neuigkeiten aus der alten Heimat wisse er dank der Online-Ausgabe des Obermain-Tagblatts meist genauso gut Bescheid, wie die Einheimischen.

So gut Motschmann sich in der neuen Heimat auch akklimatisiert hat und in seinen Schulprojekten aufgeht – die Ehe zerbricht darüber. Ein neues Glück hat der 59-Jährige an der Seite von Cintia gefunden, einer Bolivianerin aus dem Tiefland, die einen Friseursalon betreibt. Deutsche hätten es leicht, sich in Bolivien einzuleben, da Deutschland sich im Gegensatz zu den USA in der Vergangenheit nicht in die Landespolitik eingemischt habe. Stattdessen gibt es eine über Generationen gewachsene Tradition wirtschaftlicher Beziehungen, da der Kautschukhandel einst eine Domaine deutscher Kaufleute war.

Fluchtziel für verfolgte Juden

Als Fluchtziel bot Bolivien von 1938 bis 1942 bis zu 20 000 von der Nazi-Diktatur verfolgten Juden eine Anlaufstelle. Ein jüdischer Friedhof in La Paz erinnert daran, dass Bolivien die meisten jüdischen Flüchtlinge in ganz Lateinamerika aufnahm. Wenig wählerisch waren die Machthaber allerdings nach Kriegsende, als sie Nazi-Schergen, wie Klaus Barbie oder Josef Mengele ebenso Zuflucht boten, wie zuvor die von ihnen Verfolgten. Einen Vortrag über seine Forschungen zu diesem wenig bekannten Thema hält Motschmann beim CHW in Altenkunstadt am Sonntag, 16. Januar, um 16 Uhr in der ehemaligen Synagoge. Auch in La Paz will er mit Führungen auf dem jüdischen Friedhof dieses Wissen lebendig halten.

So wichtig Bolivien als Fluchtziel gerade für die Deutschen in den 1930-er und 1940-er Jahren war – die aktuellen Fluchtbewegungen, die Europa in Atem halten, berühren das Land kaum, wie Motschmann berichtet. Mit 800 Asylsuchenden aus dem nordafrikanischen Raum sind die Zahlen zurzeit äußerst niedrig. Und die Debatten, die das Thema in Europa auslöst, sind für die Bolivianer kein Thema, da der Schwerpunkt der Nachrichten auf Südamerika liegt.

Das Werben für die Kultur seiner Heimat liegt Motschmann nicht nur in der Schule am Herzen. So engagiert er sich mit Veröffentlichungen für die Deutsche Kulturgemeinschaft in deren Vieljahresschrift. Auch als Schatzmeister eines Hilfevereins für herzkranke Kinder ist er aktiv.

Obwohl Andreas Motschmann gerade an Weihnachten, das für ihn im bolivianischen Sommer wenig stimmungsvoll wirkt, gerne an den Obermain zurückkommt, wird er wohl auf längere Sicht in Südamerika bleiben. Seinen deutschen Pass will er allerdings behalten – man wisse nie, wie die politischen Verhältnisse sich weiter entwickeln.

Andreas Motschmann

In Altenkunstadt, im Langheimer Hof, ist Andreas Motschmann aufgewachsen. Nach einer Lehre als Heizungsbauer absolvierte er eine Ausbildung zum Erzieher und zum Märchenerzähler. Nach Tätigkeiten in Kindergärten in Untersiemau, Ahorn und Großheirath bewarb er sich für die Deutsche Schule Colegio Alemán Mariscal Braun in La Paz. Seit zehn Jahren lebt er in Bolivien.

Über ein wenig bekanntes Kapitel der deutsch-bolivianischen Geschichte informierte Motschmann bei einem CHW-Vortrag „Südamerika – Fluchtkontinent für Opfer und Täter des Nationalsozialismus“ am Sonntag, 15. Januar, um 16 Uhr in der ehemaligen Synagoge in Altenkunstadt.

Von unserem Redaktionsmitglied Gerhard Herrmann
    
    

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