publiziert: 03.02.2015 16:40 Uhr
aktualisiert: 04.02.2015 10:05 Uhr
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„Der Krebs verändert dich“

Diagnose: bösartiger Hirntumor – Lisa fällt in ein Loch, aus dem sie zunächst kein Entkommen sieht
  • Weltkrebstag: Eine Frau raucht eine Zigarette. Bei Frauen ist Lungenkrebs auf dem Vormarsch, bei Männern wird er seltener. Dafür sterben Männer häufiger an Leberkrebs. Tumore sind die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. 
    Foto: dpa
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„Wieso“, flüstert sie leise. Sollte sie nicht schockiert sein? Wütend? Zumindest traurig? Stattdessen ist da nichts als Leere. So muss es sich anfühlen, tot zu sein. Nur dass die weiße Gestalt ihr gegenüber dann ein Engel wäre, der sie im Himmel willkommen heißt. Kein Arzt, dessen Worte ihr die Hölle bringen.

Ihre Hände zittern, wenn sich Lisa H. an den Tag der Diagnose erinnert. Krebs. Wie oft hat sie über diese Krankheit gelesen? Aber da wirkte sie noch so unwirklich, so surreal. Niemals hätte sie gedacht, sich selbst in einem scheinbar so fernen Alptraum wiederzufinden. Zum Welt-Krebs-Tag am 4. Februar hat sie schon ein Dutzend Sitzungen ihrer Chemotherapie hinter sich.

Am Anfang wirkt alles so harmlos. Kopfschmerzen, vermutlich nur etwas Schlafmangel oder zu viel Arbeit, denkt sie sich. Als die Schmerzen jedoch nach drei Wochen immer wieder auftreten, beschließt sie, sich im Krankenhaus untersuchen zu lassen. „Es war ein Schock. Bösartiger Hirntumor. Krebs. Ich bin in ein Loch gefallen, aus dem ich kein Entkommen sah“, erzählt sie im OT-Interview.

Die 35-Jährige sitzt auf einem weißen Stoffsofa im Wohnzimmer ihres Hauses im westlichen Landkreis Lichtenfels. Vor ihr liegen auf einem tief stehenden Tisch mit ovaler Glasplatte mehrere Flyer der Universität Erlangen-Nürnberg. Es sind die letzten Überreste eines verblassenden Traums. „Mich hat der Hunger nach mehr gepackt. Ich wollte fremde Länder bereisen und noch einmal studieren. Nordische Philologie, das wäre doch mal etwas Außergewöhnliches“, sagt sie und nimmt einen der Flyer in die Hand.

Lisa H. lächelt und beginnt zu erzählen. Von unbändiger Lebenskraft, von einem Neuanfang und davon, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Und davon, wie alles ein Ende fand. Noch immer trägt sie das Lächeln auf den Lippen, doch nun wirkt es gequält. Nur mit Mühe hält sie die Tränen zurück, die sich in ihren feucht glänzenden Augen sammeln. „Damit wird es nun wohl doch nichts“, sagt sie. Dabei schlingt sie die Arme um ihre Brust, als würde sie frieren.

Die Ärzte sind guter Hoffnung, dass sie den Krebs unter Kontrolle bekommen. Lisas Krankheit wird demnach wahrscheinlich nicht tödlich verlaufen. Wieso also gibt sie den Traum auf, von dem sie so enthusiastisch spricht? „Es kommt der Moment, an dem dir klar wird, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war“, sagt sie und legt den Flyer zurück auf den Tisch. Mit beiden Händen streicht sie über ihre haarlose Kopfhaut. „Krebs verändert dich. Ich werde nie wieder der Mensch sein, der ich vorher war“, sagt sie.

Naives Kind, haben ihre Eltern sie oft genannt. Selbst nach ihrem 30. Geburtstag noch. Sie hatten Recht, findet Lisa H.. Was von diesem Kind bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit vor dem Krebs. „Nach der Diagnose habe ich so oft geschrien. Ich war wütend und habe geflucht. Aber vielleicht ist es gut, dass es mich getroffen hat“, sagt sie. Wieder lächelt sie. Tausendmal hat sie sich gefragt, wieso es ausgerechnet sie getroffen hat. Irgendwann hat sie eine Antwort gefunden. „Ich war oft unglücklich. Ohne wirklichen Grund. Egal, was ich hatte, ich wollte immer noch mehr. Uns Deutschen geht es so gut, da reicht das Fehlen einer Kleinigkeit, um uns traurig zu machen“, erzählt sie und lacht.

„Meine Krankheit hat mir gezeigt, was wirklich wichtig ist. Ein jeder neue Tag, den ich mit Menschen verbringen kann, die ich liebe, ist ein Geschenk.“
Lisa H. Krebspatientin

„Meine Krankheit hat mir gezeigt, was wirklich wichtig ist. Familie, Freunde, Menschen, auf die man zählen kann. Ein jeder neue Tag, den ich mit Menschen verbringen kann, die ich liebe, ist ein Geschenk. Unbezahlbar und wunderschön.“ Sie entschuldigt sich und steht auf, verschwindet in einem Nebenzimmer.

Als sie nach einer Minute zurückkommt, hält sie je ein Bild in den Händen. Beide sind etwa gleich groß. 15 Zentimeter hoch, sieben Zentimeter breit und in einem hellen Holzrahmen eingelassen. Auf dem einen Bild sind ihre beiden Cousinen zu sehen. Betty deutet mit der Linken, Sandy mit der rechten Hand auf ihre kahl geschorenen Köpfe. Zwischen sich halten sie ein grünes Schild mit oranger Schrift. „Wir sind bei Dir. Lass uns aus deiner neuen Frisur einen Trend machen!“, ist dort zu lesen. Auf dem anderen Bild ist sie selbst zu sehen, wie sie in den Armen ihres Freundes liegt. „Ich liebe dich, nicht deine Haare!“, wurde mit schwarzem Filzstift in die untere rechte Bildecke geschrieben.

Nur wenige Menschen wissen von Lisas Diagnose. In der Öffentlichkeit trägt sie meistens eine Perücke und eine Mütze, um ihre Glatze zu verstecken. „Nur meine Familie und mein Freund wissen davon. Das reicht“, sagt sie und stellt die Bilder auf den Glastisch. Sie schämt sich nicht für den Krebs, aber sie möchte auch nicht auf ihre Krankheit reduziert werden. Krebs ist ein Teil ihres Lebens, und als solchen hat sie ihn zu akzeptieren gelernt. Das ist ihr wichtig, der Krebs ist nur ein Teil, nicht das Ganze. Sie ist noch immer ein vollwertiger Mensch, mit Hoffnungen, Wünschen, Träumen und Ängsten.

„Nur weil es für mich nicht mehr in Frage kommt zu studieren, heißt das nicht, dass ich mich aufgebe“, sagt sie. „Meine Prioritäten haben sich lediglich geändert.“ Wieso alles auf eine erfolgreiche Arbeit und viel Geld ausrichten? Stattdessen will Lisa H. reisen gehen, aus wenig Geld möglichst viel Leben herausholen. „Ich will nach Skandinavien und Island. Die Natur ist da noch so ursprünglich und wild, damit lässt sich selbst unser schöner Gottesgarten um den Staffelberg nicht vergleichen.“

Gedankenreise

Diese Wildheit will Lisa H. erleben. Sie setzt sich wieder auf ihr weißes Stoffsofa und schließt die Augen. Begibt sich gedanklich schon jetzt auf die Reise nach Norden. Spürt den kalten Wind auf ihren Wangen und fühlt die vernarbte Rinde eines alten Baumes unter ihren Fingern. Riecht die frische Luft, die sich mit dem erdigen Geruch des Bodens vermischt, den sie unter ihren Füßen spüren kann. Dann öffnet sie die Augen. „Solange ich noch in der Chemotherapie bin, geben mir solche Gedankenreisen Mut. Durch sie weiß ich, auf was ich mich nach dieser schweren Zeit freuen kann.“

Sie braucht keinen Engel, der sie im Himmel willkommen heißt. Nur ihre Fantasie, auf deren Schwingen sie dem Krebs davonfliegen kann. Egal, wohin sie auch möchte.

Kontakt

Kontaktadressen/Ansprechpartner:

• Selbsthilfegruppe Krebsnachsorge Lichtenfels, Barbara Wendel, 96257 Marktgraitz, Tel. (09574) 80170

• Förderverein Krebskranker Patienten Coburg und Umgebung e.V., info@krebskrank-coburg.de, 1.Vorsitzender Hans Morhard, Untere Burgbergstraße 24, 96215 Lichtenfels, Tel. 0172/9788410

• Onkologie Klinikum Coburg - bei Fragen und Sorgen zum Thema unter Tel. (09561) 225413

Von unserem Mitarbeiter

Manuel Stark

    
    

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