OBERLEITERBACH

„Historischer Dorfrundgang großartige Sache“

Monatelang arbeiteten sie am Historischen Dorfrundgang: Die Hauptverantwortlichen Philipp Kunzelmann und Markus Drossel mit Hans Kropp, Nikolaus Kunzelmann, den Referenten Annette und Robert Schäfer, Käthe Kropp, Harald Hümmer, Adolf Demuth, Georg Amon und Leonhard Eberth (v. li.... Foto: Markus Drossel

Weshalb gibt es in einem kleinen Dörfchen mitten in Oberfranken gleich drei Fachwerkhäuser im alpinen Stil? Warum war der Lätterbocher Nepomuk über Jahrhunderte tief beleidigt? Und was haben Dichterfürst Joseph Victor von Scheffel und der berühmte Staffelberg-Einsiedler Ivo mit Einbruchdiebstahl zu tun?

Diesen und anderen Fragen gingen die zahlreichen Gäste bei der Eröffnung des Historischen Dorfrundgangs mit QR-Code nach. Das Historiker-Ehepaar Robert und Annette Schäfer wusste viel Interessantes und manch Kurioses zu berichten. Moderiert wurde die Veranstaltung von Harald Hümmer.

Mit dem Vieh unter einem Dach

Die Eröffnungsveranstaltung am Vorabend des Tag des Offenen Denkmals war mehr als Frontalunterricht. Zu dem, was die Kreisheimatpflegerin Annette Schäfer und ihr Mann erklärten, ergänzten die Anwohner Geschichten und Erlebnisse von anno dazumal. So erfuhren die jüngeren Teilnehmer, dass es früher ganz selbstverständlich war, mit dem Vieh unter einem Dach zu leben.

Dass Wohnstallhäuser und Dreiseithofe, wie es sie in Oberleiterbach noch gibt, gängige Bauformen waren.

Dass die private Fotografie erst in den 1950-er-Jahren für die Bevölkerung auf dem Land erschwinglich wurde und Anfang des 20. Jahrhunderts oft Wanderfotografen für teures Geld Aufnahmen fertigten.

Karawane

Und auch, dass die „interessanten Fremdkörper“, eingangs erwähnte Häuser im Schweizer Stil, in der Zeit der Heimatschutzbewegung entstanden, als Gegenpol zum überbordenden Historismus. Langsam schlängelte sich die lange Karawane historisch Interessierter aus den Landkreisen Bamberg und Lichtenfels durch den 279-Einwohner-Ort. Robert und Annette Schäfer verstanden es, die Informationen mit viel Witz und Freude am Vortrag zu vermitteln. Und ab und an zu verblüffen, wie beispielsweise am Einsiedler-Ivo-Grab. „Victor von Scheffels ,Wohlauf die Luft‘ ist wohl das einzige Lied, in dem Einbruchdiebstahl verherrlicht wird“, meinte sie, grinste und zitierte aus der sechsten Strophe: „Hoiho! Die Pforten brech? ich ein und trinke, was ich finde.“ Raunen und Schmunzeln machten sich breit.

Vom „beleidigten Brückenheiligen“ berichteten dann Harald Hümmer und Zweiter Bürgermeister Andreas Schonath: Da sich Oberend und Unterend nicht auf den Standort für den sandsteinernen Heiligen verständigen konnten, wurde er im 18. Jahrhundert kurzerhand auf dem Grundstück des Spenders aufgestellt – und blickte verdrossen in die Gegend. Erst seit wenigen Monaten steht der Brückenheilige, mittlerweile im Besitz der Marktgemeinde und sorgsam restauriert, nun an der Leiterbachbrücke – und ist damit endlich angekommen.

Baustein für Goldmedaille

Im Juli reichten zweieinhalb Minuten, um die Bezirkskommission des Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft. Unser Dorf soll schöner werden“, bei ihrem Besuch zu beindrucken. Der Historische Dorfrundgang mit QR-Code, der mindestens bayernweit einzigartig sein dürfte, war ein Baustein für die Goldmedaille auf Bezirksebene.

Der Spaziergang durch die Geschichte bei der offiziellen Eröffnung dauerte mehr als zwei Stunden. Erst als es dunkel wurde, fanden sich die zahlreichen Gäste wieder im Bereich des Gemeinschaftshauses ein, wo der Historische Dorfrundgang auch ganz offiziell startet. „Der Historische Dorfrundgang ist eine ganz großartige Sache“, befand Kreisheimatpflegerin Annette Schäfer.

„Es ist eben nicht alles schlecht, was modern ist. Tradition ist nicht das

Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe der Flamme.“

Annette Schäfer, Kreisheimatpflegerin

„Es ist eben nicht alles schlecht, was modern ist. Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe der Flamme.“ Durch Weitererzählen bringe man Geschichte in die Zukunft. „Dieser Historische Dorfrundgang ist viel einfacher und praktikabler als eine wöchentliche Führung, kann doch jeder Interessierte für sich und auf eigene Faust Wissenswertes erfahren.“ Die Umsetzung mit QR-Code spreche auch die jüngere Generation an.

Erster Bürgermeister Volker Dittrich sprach von innovativer Technik und einem wichtigen Baustein auf dem Weg zum Bezirksgold. Auch Harald Hümmer, der Gesamtprojektleiter „Unser Dorf hat Zukunft“ in Oberleiterbach, lobte das Projekt und die Umsetzung – und die Verantwortlichen dahinter. „Man mag es nicht sehen, doch im Historischen Dorfrundgang stecken viele Monate Arbeit, eine vierstellige Zahl an ehrenamtlichen Stunden“, führten die Hauptverantwortlichen Philipp Kunzelmann und Markus Drossel aus. „Es ist ein Vorzeigeprojekt, das aus der Dorfgemeinschaft entstanden ist.“

Und so hatten sie bei dieser Feierstunde einer ganzen Reihe an Mitwirkenden zu danken, allen voran Georg Amon (Datensammlung), Nikolaus Kunzelmann, Leonhard Eberth, Georg Schmuck (alle vom Team Ständerbau) sowie Käthe und Hans Kropp, Adolf Demuth und allen, die ihre Privatarchive für das Unterfangen öffneten.

Dank an Mitwirkende

„Wir Macher haben durch die Arbeit am Historischen Dorfrundgang viel gelernt. Wir sichteten Bilder von Häusern, die es zum Teil nicht mehr gibt. Wir sahen Fotos von Festen, an die sich selbst die älteren Lätterbocher nur noch vage erinnern“, so Kunzelmann und Drossel. „Wir erfuhren vom Löschweiher, in dem so mancher Dorfbewohner das Schwimmen lernte. Wir hörten Geschichten von Auswanderern und tragischen Todesfällen, von beleidigten Heiligen und manch feucht-fröhlichem Erlebnis.“

Vor allem aber digitalisierten sie wertvolle Zeitdokumente und stellten sie der Öffentlichkeit zur Verfügung: an den 28 Stationen, auf den 29 Tafeln, durch das Scannen der QR-Matrix und im Internet unter www.oberleiterbach.de.

„So wurde ein digitales Gedächtnis für den Ort aufgebaut – und das ist ein ganz großes Plus“, betonte Kreisheimatpflegerin Annette Schäfer.

Infos

Länge: 1,25 Kilometer

Zeitbedarf: 60 bis 90 Minuten

Stationen: 28

Besonderheit: Verknüpfung über QR-Matrix mit Internet

Finanzierung: Raiffeisen-Volksbank Bad Staffelstein und Markt Zapfendorf

Auf dem großen Tablet konnten die Interessenten die historisch wertvollen Bilder begutachten. Foto: Markus Drossel
Feierstunde im Vorfeld des Tags des Offenen Denkmals: Zahlreiche Geschichtsfreunde nahmen am Spaziergang durch die Geschichte teil. Foto: Markus Drossel