OBERLEITERBACH

Kinder singen Einsiedelmann herbei

Die Kinder hatten schöne Bilder von ihrem schmucken Dorf gemalt. Foto: Markus Drossel

„Hey, kennt ihr das Lied vom Einsiedelmann?“, schmettert Alexander Hümmer den Juroren der Bezirkskommission „Unser Dorf hat Zukunft – Unser Dorf soll schöner werden“ keck entgegen, als diese das kunstvoll verzierte Tor zur Laurentiuskirche passieren. Der Zwölfjährige grinst verschmitzt, macht eine einladende Geste, ihm zu folgen. Auf der gegenüberliegenden Seite positioniert er sich hinter den anderen Kindern des Dorfes, die sofort zu singen beginnen: Zwei Strophen aus Joseph Victor von Scheffels berühmtem Lied „Wohlauf die Luft“, in der der Dichterfürst dem Staffelberg-Eremiten Ivo Hennemann, dem berühmtesten Sohn Oberleiterbachs, ein klingendes Denkmal setzte.

„Das Dorf hat einen

Quantensprung in seiner

Entwicklung gemacht, der vor allem vom bürgerschaftlichen Engagement ausgeht.“

Thomas Müller,

Baudirektor und Juror

Genau zwei Stunden hatte die Dorfgemeinschaft von Oberleiterbach am Dienstagmorgen Zeit, ihr 1221 erstmals erwähntes, einst michelsbergisches Klosterdorf von seiner schönsten Seite zu präsentieren. Ein enges Zeitkorsett, in dem es gar nicht so einfach war, all die Vorzüge des Dorfes zu nennen. Landrat Johann Kalb sprach von einem „Vorzeigedorf im Bereich des Naturschutzes und der Zukunftsfähigkeit“ und lobte das erste und einzige Bioenergiedorf „seines“ Landkreises, auf das er sehr stolz sei. Erster Bürgermeister Volker Dittrich hob die Dorfgemeinschaft und die engagierten Bürger hervor, ehe Gartenbauvereins-Vorsitzender Harald Hümmer ins Detail ging und den hochkarätigen Fachleuten aus verschiedenen Teilen Frankens sein Dorf vorstellte.

Unabhängig von Großkonzernen

Beeindruckt vernahmen die Juroren, dass das Bundesgolddorf von 1977 mit seiner raffinierten Nahwärmeversorgung aktueller Träger des Bürgerenergiepreises Oberfranken ist. Dafür wurde von den Anschlussnehmern eine Energiegenossenschaft gegründet. Deren Vorstandsmitglied Reiner Zapf-Willmer legte beim Rundgang durch den Ort beeindruckende Zahlen vor: 66 Prozent der benötigten Wärmeenergie produziere man aus nachwachsenden Rohstoffen selbst, dazu das Fünffache des Strombedarfs – und das günstig, nachhaltig und unabhängig von Öl- und Gas-Multis.

Eigenleistung und Eigenengagement: Diese beiden Schlagworte fielen an diesem Vormittag mehr als nur einmal. So wurde der einst marode Spielplatz, heute Publikumsmagnet für Familien aus nah und fern, in Eigenleistung umgestaltet. Auch in den Bau des Gemeinschaftshauses und des Feuerwehrhauses sowie die Renovierung der Kirche flossen ungezählte Arbeitsstunden „Gott zur Ehr“. Die gemeindlichen Grünflächen im Ort werden von 14 Paten gehegt, die historische Baustruktur mit den tollen Fachwerkhäusern von den Besitzern liebevoll gepflegt. Und auch der Grüne Friedhof, heute eines von vielen Vorzeigeprojekten, entstand durch Bürgerengagement. Ganz neu ist der wohl bayernweit einzigartige Historische Dorfrundgang mit QR-Code, eine innovative Verquickung von Geschichtswissen und modernen Medien. Die Juroren lauschten aufmerksam und notierten eifrig.

Als die Kinder dann unterhalb der Kirchenmauern das Loblied auf den Einsiedelmann an- und die vielen Dorfbewohner, die den Rundgang mitliefen, lauthals einstimmten, da kam er plötzlich daher, der Eremit. „Ivo“ (Roland Amon) erzählte aus seinem Leben, ließ sich dann aber schnell ablenken von der schönen Schnitterin (Jule Kunzelmann), die da des Weges kam. Ganz wie in der „Frankenhymne“.

Auch der Jakobusweg, die Dorferneuerung und die innerörtlichen Baugebiete waren Themen. Besonders positiv fiel den Juroren Raimund Schlenk auf, der sein Wohnstallhaus aus dem 18. Jahrhundert sorgsam renovieren möchte – und natürlich dies auch während des Kommissionsbesuchs zeigte.

Am Zielpunkt Gemeinschaftshaus angekommen, gab es viel Lob für die Lätterbocher. „Das war eine tolle Präsentation mit Unterhaltungswert“, fand Jury-Leiter Nikolai Kendzia. „Das Dorf hat einen Quantensprung in seiner Entwicklung gemacht, der vor allem vom bürgerschaftlichen Engagement ausgeht“, meinte Juror Thomas Müller, Baudirektor am Amt für Ländliche Entwicklung Oberfranken. „Sie sind ein Zukunftsort, sie haben Zukunft.“

„Schatz historischer Gebäude“

Hochachtung zollte auch Beate Opel, die stellvertretende Bezirksbäuerin, und sprach von einem „ganz ausgezeichneten Dorf mit wunderschönen Häusern und Gärten“, Architektin Dr. Christiane Schilling gar von einem „Schatz historischer Gebäude, die behütet und weiterentwickelt werden“. Das „i-Tüpfelchen“ sei das Nahwärmenetz.

Die Juroren Brigitte Goss, Bernd Carl und Christian Kreipe gaben den Oberleiterbachern noch einige Tipps mit auf den Weg, wie man das Gute noch besser machen könne. „Das ist aber Meckern auf hohem Niveau“, fügten sie hinzu. „Oberleiterbach setzt vor allem in Sachen Nahwärme bayernweit Maßstäbe“, hob Landrat Kalb noch einmal heraus. Danach stimmte Ludwig Hennemann Akkordeonmusik an und die Lätterbocher sangen „Muss i denn zum Städtele hinaus“. Freundschaftliches Winken und etwas Wegzehrung versüßten den Juroren den Abschied aus dem gastlichen Ort.

Beim Rundgang durch den 279-Einwohner-Ort. Foto: Markus Drossel
Vorstandsmitglied Reiner Zapf-Willmer (re., im Hintergrund Vorstandsmitglied Nikolaus Kunzelmann) erläutert die Entstehung der Energiegenossenschaft und die Funktionsweise des Nahwärmenetzes.
In Eigenleistung saniert: Der Spielplatz ist heute ein Publikumsmagnet. Foto: Markus Drossel
Fleißige Krapfenbäckerinnen am Gemeinschaftshaus.
Alfred Hümmer informiert über den Grünen Friedhof. Foto: Markus Drossel
„Meines Wissens nach bayernweit einzigartig“: Philipp Kunzelmann erläuterte die Funktionsweise des Historischen Dorfrundgangs mit QR-Code. Foto: Markus Drossel
In der Sankt-Laurentius-Kirche sprach Mesnerin Beate Metzner über die gelungene Sanierung.
Beim Rundgang durch den Ort gab es für die Juroren viel zu entdecken – neben liebevoll gepflegten Anwesen und blühenden Gärten unter anderem auch den Historischen Dorfrundgang mit QR-Code. Foto: Markus Drossel
Die Kinder des Dorfes sangen für die Bezirkskommission einen Teil der Frankenhymne.
Auch Einsiedler Ivo und die schöne Schnitterin machten den Juroren ihre Aufwartung.
Raimund Schlenk hat sich vorgenommen, ein Wohnstallhaus aus dem 18. Jahrhundert wieder herzurichten.
Die Juroren machten sich eifrig Notizen.
Gemeinschaft ist das, was Oberleiterbach auszeichnet.
An den Sitzstufen im Ortskern.
Es muss nicht immer ein Gartenbeet sein – ein Gartenbett hat auch seinen Charme. Foto: Markus Drossel
Anspannung vor der Schlussbesprechung: Gartenbauvereins-Vorsitzender Harald Hümmer mit Erstem Bürgermeister Volker Dittrich und Landrat Johann Kalb (v. re.).
Die Lätterbocher präsentierten sich den Bewertern in allerbester Laune. Foto: Markus Drossel