BAD STAFFELSTEIN

Wenn Kirche auf Lyrik trifft

Professor Elmar Koziel gestaltete einen besinnlichen Abend voller Poesie. Foto: Birgit Kunig

„Es ist das Existenzielle, was das Geistliche mit der Lyrik vergleichbar macht. Die Dichtung spielt praktisch dem Spirituellen in die Hände“, sagt Professor Koziel, wenn man ihn fragt, ob es nur ein Ausgleich sei oder eine andere Seite seines Wesens. Bereits zum fünften Mal fand im evangelischen Gemeindehaus ein Abend voller Poesie und musikalischer Untermalung statt. Der Pastoralreferent Josef Ellner hatte es organisiert. „Normalerweise pilgern die Menschen auf den Berg – aber heute ist der Berg nach unten gekommen“, kündigte er das Programm in launiger Weise an.

„Die Menschen haben

Sehnsucht und reimen sich vieles zusammen. Die schönsten Dinge passieren aber dann dort, wo sich das Leben nicht immer reimt.“

Professor Elmar Koziel, Bildungszentrum Vierzehnheiligen

Das Programm, was hier auf die Beine gestellt wurde, war einprägsam und mehr als bewegend. „Gedichte, die das Leben schreibt“ hieß es, und das Publikum im gut besuchten Gemeindesaal strotzte voller Neugier. Prof. Elmar Koziel, Leiter des Bildungszentrums in Vierzehnheiligen und habilitierter Theologe, rezitierte Gedichte bekannter und weniger bekannter Autoren, alle aber hatten mit den Phasen und den existenziellen Fragen des Lebens zu tun.

Sein „Helfer“ war David Höppner, der erst 16-jährige Pianist aus Unterneuses, der schon bei Jugend musiziert Preise abgeräumt hatte. An diesem Abend brillierte er mit Stücken von Beethovens 13 Variationen, Präludien von Shostakowitsch und einer russischen Toccata. Er lebt die Musik, das spürt man. Bereits mit fünf Jahren habe er am Klavier angefangen, erklärte Höppner. Er übe mindestens drei Stunden täglich.

Wohltuende Harmonie

Sie traten das erste Mal zusammen auf, die Harmonie war wohltuend. Die Stücke habe er zwar in Absprache mit Koziel weitestgehend selber herausgesucht, so Höppner, um die Gedichte in seiner eigenen Art musikalisch zu interpretieren. Und man konnte kaum glauben, dass dieser junge Mann es gleich beim ersten Auftritt so treffend verstand, die weisen Gedichte mit den richtigen Stücken zu untermalen. Fast konnte man denken, die beiden stünden schon länger gemeinsam auf der Bühne, so wie sie sich in wunderbarer Weise ergänzen.

„Die Gestik und Mimik, mit der Professor Koziel die Gedichte vorträgt, ist faszinierend und die Atmosphäre hier ist immer besonders“, meinte ein Mann aus Burgkunstadt, der schon öfters da war und ihn auch als Redner und Prediger kennt. Koziel rezitierte mit einer Lebendigkeit und Einfühlsamkeit, die seine Zuhörer in den Bann zog. Jeder seiner Gesichtsmuskeln spiegelte den Gehalt der Worte wider, das hatte eine Faszination. Und seine Hände waren die Expression der sprachlichen Bilder. Er wiederholte viele Gedichte immer dann, wenn der Zuhörer es brauchte und genau das machte den speziellen Reiz aus, diese stille Übereinkunft und das Erkennen, wann Wiederholung notwendig war.

Koziels einfühlsame Interpretationen der Lyrik waren nicht nur seine Ansichtsweise. Er ahnte wohl die Vermutungen des Zuhörers und spannte einen Bogen zu völlig neuen Erkenntnissen. Diese stille Interaktivität zwischen Rezitator und Publikum war weder geplant oder gesteuert, und genau das war das Besondere an diesem Abend.

„Die Menschen haben Sehnsucht und reimen sich vieles zusammen. Die schönsten Dinge passieren aber dann dort, wo sich das Leben nicht immer reimt“, lautete die Einleitung Koziels. „Manchmal helfen aber nur Worte nicht, auszudrücken, was uns bewegt – das kann aber die Musik.“

Der erste Themenblock „Einstellung zum Leben“ beinhaltete die Interpretation des Gedichts „Fluidum des Tages“ von Thomas Brasch, Regimegegner aus der ehemaligen DDR, und die hat es in sich. „Meine jeweilige Einstellung entscheidet über den Tag“ und sein „Wenn man wo anders wär“ drückten nur allzu gut die Suche nach dem Lebenssinn aus. Der Schluss des Gedichts gipfelte in der Wiederholung „Wo, wo, wo?“, von Koziel so laut gerufen, dass man fast erschrak. „Wenn man immer so genau wüsste, wo man hin will und hin soll. Leider wissen viele von uns oft nur, dass man wo anders sein will, ob das gut ist?“ – Koziel lässt die Antwort offen.

Wunsch und Realität

Weitere Themen waren Wunsch und Realität, Geschenke des Lebens, Liebe und Leben vor dem Tod. Einprägsam auch das Liebesgedicht von Bergengrün „zu Lehen“, worin er ganz wunderbar ausgedrückt hatte, dass niemand den anderen besitzen kann, dass wir alle nur geliehen sind und in Gottes Hand zurückgegeben werden. Es ist ein Gedicht voller Wertschätzung und Respekt an den Liebespartner und an die höhere Macht.

Gedichte von Ulla Hahn trug er oft schelmisch vor, die waren kurz prägnant mit viel Esprit und Witz – besonders das „Ehe Paar Weise“. Hier hing die Interpretation von der Betonung der Silben ab. Das Publikum schmunzelte und lachte auch einmal lauthals, und Höppner untermalte flott spielerisch und akzentuiert oder auch bewusst schräg und voller Dissonanzen passend zur Zwiespältigkeit manches Dichters. „Du musst das Leben annehmen, dann spricht es zu einem“, lautete die Aussage des Gedichtes „Am Rand“ von Christine Busta und „Engel“ von Bergengruen. Das Leben sei immer ein Wagnis ohne Garantie.

Positive Gedanken

Auch das Gedicht „Dankbarkeit für die Anonymen“ habe positive Gedanken, so Koziel: „Es gibt so viele Menschen, denen nie offiziell gedankt wird, die anonym im Hintergrund arbeiten, die uns das Leben aber erträglicher und lebenswerter machen.“

Koziel bescherte den Zuhörern einen besinnlicher Abend voller Poesie mit neuen Erkenntnissen. Sie lauschten ergriffen und genossen es sichtlich. Am Ende applaudierten sie frenetisch.