TRIPOLIS/EBENSFELD

Ringen mit dem nassen Tod

Todesfalle Mittelmeer: Die Nichtregierungsorganisation „Sea-Eye“ rettet vor der Küste Libyens Geflüchtete aus lebensbedr... Foto: Daniel Kempf-Seifried

Ostersonntag auf dem Mittelmeer, 18 Seemeilen vor der Küste Libyens. Das Rettungsschiff „Sea-Eye“ läuft nach einem Schmorbrand auf Notstrom, hat Kurs in Richtung Heimathafen Valetta gesetzt. Da ereilt die Crew ein Funkspruch: „Mayday. Sinkendes Schlauchboot. Eine Stunde voraus.“ Die Zeit drängt, es sind hunderte Leben in Gefahr: Das Team der „Sea-Eye“ dreht bei, setzt Kurs, eilt zur Hilfe – ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Es sind Erlebnisse, die das ehrenamtliche Crew-Mitglied Petra Oeckler nie wieder vergessen wird. Schreckliche Bilder, die sich eingebrannt haben. Panische Hilferufe, die in ihrem Gedächtnis widerhallen. Beim Erzählen rattert das „Kopf-Kino“, die Erlebnisse sind plötzlich wieder präsent. Immer wieder stockt sie. Es geht ihr sehr nahe.

Als sie sich im Herbst vergangenen Jahres für eine Mission bei der Nichtregierungsorganisation „Sea-Eye“ bewirbt, um Flüchtenden in internationalen Gewässern vor Tripolis zu helfen, ahnt sie nur vage, was auf sie zukommen würde. Ihr Mann Udo war schon einmal als Kapitän auf dem Rettungsschiff, hat viel erzählt – und doch wirkt es weit weg, ist es bloßes Hörensagen. Als Förderschullehrerin hat sie sowieso nur in den Ferien Zeit. Sie rechnet irgendwie gar nicht damit, dass für sie eine Mission frei werden würde. Auch wenn sie hofft. Letztlich klappt es in den Osterferien.

Neun Tage ist sie an Bord der „Sea-Eye“, einem umgebauten Fischkutter. Die ersten drei Tage warten die neun Crewmitglieder ungeduldig im maltesischen Hafen Valetta, dass der Wind sich legen möge. Dieser ist so stark, dass sich keine Flüchtenden aus Libyen auf den Weg über das Mittelmeer in Richtung Europa machen können. Als die Prognosen voraussagen, dass der Wind abflachen werde, gibt der Kapitän das Zeichen: Leinen los, Maschinen an, die Mission „M3“ beginnt. 30 Stunden brauchen sie bis ins Zielgebiet. Petra Oeckler ist Wachführerin: Aufgrund ihrer nautischen Erfahrung führt die 46-Jährige das Schiff während der vierstündigen Dienstzeit, ist voll verantwortlich. Bei Rettungsaktionen solle sie dann Teil der „RIB-Crew“ sein, der Besatzung im Rettungsbeiboot. Aber diese Info ist da noch reine Theorie.

Immer mehr Sichtungen

Die Mission lässt sich ruhig an: Am ersten Tag im Zielgebiet vor Tripolis überhaupt keine Sichtung, am zweiten Tag Rettungsaktionen, die wie aus dem Lehrbuch ablaufen: Erst ein Schlauchboot mit 130 Flüchtenden, dann weitere klapprige Boote. Alle erschöpft, aber wohlauf. Insgesamt werden 411 Personen erstversorgt, mit Trinkwasser und Schwimmwesten ausgestattet, zeitgleich wird Hilfe gerufen. Andere Schiffe nehmen die Geretteten an Bord. „Standardprozedere“, sagt die Ebensfelderin. „Da waren wir noch sehr guter Stimmung.“ Doch es werden immer mehr Sichtungen, immer mehr „Seelenverkäufer“ tauchen auf dem Mittelmeer auf. Es ist Karfreitag. Die Ereignisse beginnen, sich zu überschlagen. Im Morgengrauen, gegen 5.30 Uhr, treiben plötzlich gleich drei seeuntüchtige Boote im Patrouillengebiet. 1000 Menschen befinden sich in akuter Gefahr, einige von ihnen ringen entkräftet im salzigen Wasser mit ihrem Leben. „Das war furchtbar. Auf den gnadenlos überfüllten Booten herrschte völliges Chaos, die Menschen im Wasser waren in Panik“, schildert Oeckler. Stundenlang kämpfen „Sea-Eye“ und andere Rettungsschiffe um deren Leben, werfen Rettungswesten und andere schwimmbare Gegenstände zu, helfen ihnen nach und nach von den wackeligen Booten. Und begeben sich damit selbst in Gefahr. „Links und rechts sind die Leute uns vor lauter Panik unkontrolliert ins Rettungsbeiboot gesprungen, haben dabei teils sogar die Helfer getroffen.“ Auf den Booten prügeln männliche Geflüchtete mit Ledergürteln erbarmungslos auf die Mitfahrenden ein. Ihr fragwürdiges Ziel: Ordnung schaffen. Zeit zum Nachdenken bleibt jedoch in diesem Moment nicht: Die 46-Jährige und die weiteren Ehrenamtlichen ringen dem nassen Tod Flüchtenden um Flüchtenden ab, denn nur die wenigsten können schwimmen. Der Kampf währt viele Stunden lang. Das zehrt an den Kräften. Doch Müdigkeit gilt nicht als Ausrede. „Eigentlich nimmt die Sea-Eye keine Flüchtenden auf, da kein Platz auf dem umgebauten Fischkutter ist.“ In dieser Situation aber muss eine Ausnahme gemacht werden: Es sind keine Rettungsschiffe in der Nähe, die noch Kapazitäten haben. Als der Stromgenerator ausfällt und sich Rauch entwickelt, rät der Maschinist dem Kapitän, die Mission abzubrechen und den Heimathafen anzusteuern. Die „Sea-Eye“ ist auf Notbetrieb, funktioniert nur noch eingeschränkt. „Da hatten wir noch 286 Menschen an Bord. Ein Glück, dass keine Panik ausbrach. Das wäre tragisch ausgegangen.“ Es ist Mitternacht, als das deutsche Marineschiff „Rhein“ endlich alle Geretteten übernimmt. Die „Sea-Eye“ setzt kurz auf Valetta. 30 Minuten lang, bis zum nächsten Notruf. – „Mayday. Sinkendes Schlauchboot.“ Es ist das Sichtungsflugzeug „Moonbird“, das diesen Hilferuf absetzt. Trotz eigener Notsituation fackelt die „Sea-Eye“-Besatzung nicht lange. „Die Frage, ob wir helfen oder nicht, stellte sich für uns nicht.“ Ein sinkendes, überfülltes Gummiboot lässt ihnen keine Wahl. Würde man nicht hinfahren, würden Hunderte jämmerlich sterben. Unverantwortlich. Volle Kraft voraus.

Der Vorsatz, „nur Assistenz“ zu leisten und keinesfalls Personen an Bord zu nehmen, währt nicht lange. Die „Sea-Eye“-Crew hievt 202 Personen zu sich über die stählerne grüne Bordwand. „Manchmal klammerten die Leute aus dem Gummiboot sich aus Angst so fest an uns, dass wir Blutergüsse bekamen“, schildert die 46-Jährige. Andere krallen sich in Todesangst an Personen fest, die mit im Boot sitzen. Die Luft entweicht mehr und mehr aus den weißen Gummiblasen des Wracks, der Wasserspiegel steigt. Die Retter arbeiten unter Hochdruck. Und mit menschenleerer werdendem Boot wird die Tragödie in ihrem ganzen Ausmaß sichtbar: Neun leblose Körper treiben im schwappenden Wasser.

Petra Oeckler ist nah dran, hilft beim „Abbergen“ der Geflüchteten. Die Toten im Wasser nimmt sie zur Kenntnis. Mehr nicht. „In dieser Situation denkst du nicht nach. Die Gedanken kommen im Nachhinein.“ Die Gefühle auch. „So eine Hilflosigkeit habe ich noch nie gefühlt. Und auch nicht solch eine Wut, dass die EU nichts unternimmt. Dass man Jahr für Jahr so viele Personen dem Tod überlässt. Was für ein Armutszeugnis!“

Dicht an dicht sitzen die 202 Geretteten apathisch auf dem Oberdeck. Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder. Ihre triefend nasse Kleidung tauschen die Unterkühlten gegen dünne Rettungsdecken und Maleroveralls. Eine Notlösung. Die Mediziner der „Sea-Eye“ haben alle Hände voll zu tun. Eine hochschwangere Mitzwanzigerin wird in einen kleinen Raum des Schiffs getragen, der fortan als Arztpraxis dient. Sie ist vor Erschöpfung regungslos, unterkühlt, ihr Herz setzt aus. Verzweifelte Reanimationsversuche. Immer und immer wieder. Es ist zu spät. Mit ihr stirbt das ungeborene Kind.

Menschliche Alarmzeichen

„Immer wieder gingen wir durch die Reihen, haben wir die Geretteten angestupst. Um zu sehen, ob sie noch leben. Ob sie noch weiter überleben.“ Stunde um Stunde verschlimmert sich die Situation. Die Sorgen um die Gesundheitszustände wachsen. Auch beginnt das Schiff stark zu rollen, könnte bei hohem Wellengang leicht kippen. Technische wie menschliche Alarmzeichen. Die „Sea-Eye“ entschließt sich, selbst einen Notruf abzusetzen. Doch es sollte noch Stunden dauern, bis andere Schiffe zu Hilfe eilen.

„Und die Welt interessiert das nicht...“ Längst zuhause, ringt Oeckler um Fassung. Die Rettungsmission, die sich rein aus Spenden finanziert, hat bis Ende April 7636 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. 1389 waren es bei der „M3“. „Ich bin nicht stolz auf die geretteten Personen. Stattdessen weine ich über diejenigen, die es nicht geschafft haben.“

Ausgerechnet ins Wasser

Michael Buschheuer, der Vorsitzende des Vereins „Sea-Eye“, hat mit Helfern weiße Holzkreuze auf einer Donauinsel bei Regensburg errichtet. Für jeden der um Ostern verstorbenen Geflüchteten ein eigenes Mahnmal. Petra Oeckler und ihr Mann Udo Nuffer haben diese Gedenkstätte jüngst besucht. Das hilft beim Verarbeiten. „Leider stehen mittlerweile nur noch drei Kreuze“, erklärt sie mit leicht zitternder Stimme. „Vandalen haben die anderen ins Wasser geworfen.“ Ausgerechnet zurück ins Wasser.

Fotoreportage zum Thema (Daniel Kempf-Seifried Photography): http://www.danielkempfseifried.de/the-river-is-an-ocean-sea-eye/

„Ich bin nicht stolz

auf die geretteten Personen. Stattdessen weine ich über diejenigen, die es nicht

geschafft haben.“

Petra Oeckler, „Sea-Eye“
Todesfalle Mittelmeer: Die Nichtregierungsorganisation „Sea-Eye“ rettet vor der Küste Libyens Geflüchtete aus lebensbedrohlichen Situationen. Foto: Daniel Kempf-Seifried
Todesfalle Mittelmeer: Die Nichtregierungsorganisation „Sea-Eye“ rettet vor der Küste Libyens Geflüchtete aus lebensbedrohlichen Situationen. Foto: Daniel Kempf-Seifried
Todesfalle Mittelmeer: Die Nichtregierungsorganisation „Sea-Eye“ rettet vor der Küste Libyens Geflüchtete aus lebensbedrohlichen Situationen. Foto: Daniel Kempf-Seifried
Todesfalle Mittelmeer: Die Nichtregierungsorganisation „Sea-Eye“ rettet vor der Küste Libyens Geflüchtete aus lebensbedrohlichen Situationen. Foto: Daniel Kempf-Seifried
Todesfalle Mittelmeer: Die Nichtregierungsorganisation „Sea-Eye“ rettet vor der Küste Libyens Geflüchtete aus lebensbedrohlichen Situationen. Foto: Daniel Kempf-Seifried
Todesfalle Mittelmeer: Die Nichtregierungsorganisation „Sea-Eye“ rettet vor der Küste Libyens Geflüchtete aus lebensbedrohlichen Situationen. Foto: Daniel Kempf-Seifried
Todesfalle Mittelmeer: Die Nichtregierungsorganisation „Sea-Eye“ rettet vor der Küste Libyens Geflüchtete aus lebensbedrohlichen Situationen. Foto: Daniel Kempf-Seifried
Überfüllte, seeuntüchtige Boote: Die Besatzung der „Sea-Eye“ rettet die erschöpften Flüchtenden vor er Küste Libyens aus allerhöchster Not. Foto: Daniel Kempf-Seifried
Das Bild spricht Bände: Petra Oeckler ist mit ihren Kräften sichtlich am Ende.
Gegen Unterkühlung: Die Geretteten werden in Rettungsdecken eingehüllt.