VIERZEHNHEILIGEN

Bisher ungeahnte Dimensionen

Innehalten: Sieben Mitzelebranten unterstützten Bischof Overbeck im Pontifikalamt. Foto: Andreas Welz

Man trägt wieder Uniform, auch in der Kirche - ganz wie es das Verteidigungsministerium seit Jahren in seinem Benimmbüchlein „Stil und Formen“ empfiehlt. Im Soldatenrock erschienen am vergangenen Dienstag auch rund 70 Teilnehmer der Vollversammlung des Katholikenrates und der Bundeskonferenz der Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS) zum Pontifikalamt mit Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck anlässlich des Festes der sieben Schmerzen Mariens in der Basilika Vierzehnheiligen.

Das große Bläserensemble des Heeresmusikkorps Veithöchsheim unter der Leitung von Bernhard Müßig und Basilikaorganist Georg Hagel gestalteten einen festlichen Gottesdienst. Allein sieben Mitzelebranten unterstützten den Bischof, darunter Militärgeistliche, der Leiter der Bildungshäuser in Vierzehnheiligen Dr. Elmar Koziel und der Generalvikar am Bamberger Dom, Georg Kestel.

Der Bischof ging in seiner Predigt auf die Flüchtlingskatastrophe unserer Tage ein: „Die Menschen, die die deutschen Soldaten aus dem Mittelmeer gezogen haben, besitzen nichts außer dem, was sie am Leib tragen. Manche haben zwei T-Shirts und zwei Hosen übereinander gezogen – oder einen Anorak mit Mütze mitten im Sommer. Andere tragen nicht einmal Schuhe, sind barfuß unterwegs. Sie setzen alles auf eine Karte: Tod oder Leben. Hopp oder Flopp. Viele ertrinken, aber bei weitem nicht alle. Spätestens als ihr Schleuserboot von unseren Schützen mit scharfer Munition in Brand gesetzt wird und mit dunklen Rauchschwaden in den Fluten versinkt, gibt es kein Zurück mehr. Wenigstens kein freiwilliges“.

Overbeck zitierte Militärpfarrer Michael Gmelch, der Soldaten an Bord der Deutschen Marine begleitet, die im Mittelmeer vor der Küste Libyens kreuzt, um Flüchtlinge aus Seenot zu retten. Flüchtlinge seien in der Regel ruhig, gelassen, friedlich und unaufgeregt. Nicht allen sehe man die Strapazen des Fluchtweges an, der irgendwo in einem afrikanischen Land vor Wochen oder Monaten begann, in einem überfüllten Boot mit über hundert oder fünfhundert Leuten an der libyschen Küste fortgesetzt wurde und auf einem deutschen Kriegsschiff kein Ende findet, sondern nur um ein wenige Stunden dauerndes Aufatmen unterbrochen werde.

„Flüchtlinge in so hoher Zahl sind ein Massenphänomen mit weitreichenden, nationalen und internationalen, gesellschaftspolitischen, kulturellen, religiösen und noch anderen, bisher ungeahnten Dimensionen“, sagte der Geistliche. Die Völkerwanderungen des frühen Mittelalters setzten sich in der postsäkularen Moderne fort. Die vielen ertrunkenen Flüchtlinge schließlich offenbarten nicht nur unvorstellbare Nöte von Menschen, sondern zugleich auch das Scheitern und die Niederlage politischer Systeme wie der EU-Flüchtlingspolitik.

Was sich auf dem Mittelmeer zeige, das für die vielen ertrunkenen Flüchtlinge zu einem Massengrab geworden sei, setze sich auf verschiedene Weise an Land fort, so der Bischof. „Denken wir an die Flüchtlingsströme, die in ungemein hoher Zahl in den letzten Wochen und Monaten zu uns nach Deutschland gekommen sind, wir wissen, dass wir vor einem Phänomen stehen, das uns auf vielfache Weise weiter beschäftigen wird. Es ist nicht einfach beherrschbar“.

Eine neue Welt

„Die Welt mischt sich neu; wir leben mitten darin“, war Overbeck überzeugt. Niemand könne sich entschuldigen, weil er durch Gesetze und Zäune vor diesen Veränderungsprozessen geschützt werden möchte. „Plötzlich leben wir in einer neuen Welt. Was sich seit Jahren ankündigt, wird nun mit einer Kräftigkeit erfahrbar, dass es uns in unserem gesamten Selbstverständnis herausfordert und nach neuen Antworten suchen lässt“, fasste er zusammen.

Unsere Gesellschaft, wir alle seien heute in unserem Land zu einem Menschenfischerdienst wie Petrus am See Genezareth gefordert. Dieser Dienst werde sich fortschreiben und unser Land verändern, wie dies für ganz Europa gilt. Neu Solidarität zu lernen, Teilhabe zu üben, gastfreundlich zu sein und alles zu tun, was dem Frieden dient in einer globalisierten, vielschichtigen Welt: das sei unser Auftrag als Christen.

„Ich bin dankbar für alles, was in der Bundeswehr und überall in unserem Land geschieht, um Menschen auf der Flucht aufzunehmen, Ängste abzubauen und Solidarität zu leben. Diesen Dank verbinde ich mit der Bitte, dass Gott uns helfen möge, aus allen Veränderungsprozessen unserer Tage immer heiler, immer besser, immer Gott näher und die Menschen liebender hervorzugehen. Die Flüchtlinge erfahren selber Grenzen; wir öffnen die unseren, müssen aber auch eigene neue Grenzen erfahren; wir dürfen uns weiten und offen machen für die Gemeinschaft mit allen Menschen, für die und mit denen wir glauben, hoffen und lieben“, schloss der Militärbischof seine Predigt.