ALTENKUNSTADT

Problematik noch nicht „gegessen“

Mit einem Spektrumanalysator misst Baubiologe Joachim Weise (li.), assistiert von Dietmar Schuberth (re.), der die Antenne des Gerätes hält, die Strahlung im Raum. Da alle Handys und das WLAN ausgeschalten sind, ordnet er die empfangenen Signale Mobilfunksendern zu. Foto: Stephan Stöckel

Die Veranstaltung näherte sich dem Ende, da wurden die Handys gezückt. Die Zuhörer riefen nicht die neuesten „What?s App“-Nachrichten ab oder einen lieben Bekannten an, sondern erhielten eine Antwort auf die Frage: „Wie stark strahlt mein Handy?“ Der Referent des Abends, der Bayreuther Baubiologe Joachim Weise, lieferte sie, indem er sein Messgerät einschaltete. Bei zwei Herren – rund drei Meter entfernt von ihm – zeigte es einen Wert von 1890 Mikrowatt pro Quadratmeter an. Bei einer Frau, die nur rund eineinhalb Meter neben ihm saß, schnellte die Anzeige sogar auf über 9900 Mikrowatt pro Quadratmeter.

Der Experte setzte die beiden Zahlen in Korrelation zu den Durchschnittswerten eines Mobilfunkmastes, die zwischen 500 und 3000 Mikrowatt pro Quadratmeter liegen und gelangte zu der Erkenntnis: „Ein Mobiltelefon sorgt kurzfristig für eine hohe Belastung. Bei einem Funkmast hingegen ist diese dauerhaft gegeben. Ein einzelner Bürger kann sie kaum beeinflussen.“

Eine Bürgerinitiative (BI) hingegen sehr wohl. Der BI „Mobilfunkstandort Altenkunstadt“ ist das Kunststück gelungen. Vor drei Jahren hatte sie 2747 Unterschriften gesammelt, was der Mehrheit der Wahlberechtigten entsprach. Das bewog den Gemeinderat, in ein Dialogverfahren mit der Deutschen Funkturm GmbH, einer Tochter der Telekom, einzutreten. Mit positivem Ausgang: Die Mobilfunkanlage auf dem Hochhaus in der Woffendorfer Straße wird abgebaut und durch einen Masten auf dem Altenkunstadter Gemeindeberg, dem Külmitz, ersetzt. „Das Fundament für den neuen Mobilfunkmasten steht bereits. Der Mast wird Mitte nächsten Jahres errichtet“, informierte der Sprecher der Bürgerinitiative, Dietmar Schuberth, die rund 15 Zuhörer im Gasthaus „Preußla“.

„5G“ in den Startlöchern

Die geringe Teilnehmerzahl führte sein Stellvertreter Gerhard Stark darauf zurück, dass viele der Ansicht seien, das Thema sei bereits „gegessen“. „Dem ist allerdings nicht so“, stellte der Redner klar. Mit „5G“ stehe die nächste Mobilfunkgeneration bereits in den Startlöchern.

„Sie wird noch mehr strahlen als LTE“, warnte Stark. Schuberth wiederum verdeutlichte in seinen Ausführungen, dass es noch einige offene Punkte in Altenkunstadt gebe. Er freute sich darüber, dass die Sendeanlage auf dem Dach der Altenkunstadter Besteckwarenfabrik BMF abgeschaltet worden sei, bezeichnete es aber zugleich als „komisch“, dass die Antenne noch immer nicht abgebaut sei.

„Sollte der Mast bis Mai nächsten Jahres nicht weg sein, dann gibt es eine fette Protestaktion, bei der 100 Leute vor der BMF stehen“, drohte er dem Betreiber.

Der Sprecher der BI begrüßte, dass der Anschluss der Mittelschule an das Glasfasernetz fast beendet sei. Aber auch in der Schule selbst müsse mit Kabeln statt mit Funk gearbeitet werden. „Das sorgt für ein schnelles Internet und schädigt die Schüler nicht“, betonte Schuberth, der Schulleitung und Schulverband diesbezüglich in der Pflicht sah.

80 Prozent für Abbau des Mastes

Im Ortsteil Baiersdorf hatten sich 80 Prozent der wahlberechtigten Bürger für einen Abbau des dortigen Richtfunkmastes ausgesprochen. Getan hat sich bislang noch nichts. „Wir bleiben an dem Thema dran“, versprach der Redner. Baiersdorf könne vom Külmitz aus mitversorgt werden.

„Benutzen Sie, um sich zu schützen, ein Headset oder einen Lautsprecher.“
Joachim Weise, Baubiologe

„Sollte der Mast stehen bleiben, bestehe die Gefahr, dass weitere Anlagen draufkommen, die eine Strahlenbelastung für die Baiersdorfer darstellen“, erklärte Schuberth auf Nachfrage dieser Redaktion.

Weise hatte in seinem Vortrag darauf hingewiesen, dass es außer Handys und WLAN noch andere Strahlenquellen im Haus gebe, wie zum Beispiel die Mikrowelle. „Ich glaube, mich laust der Affe, was da seitlich rauskommt. Von wegen – die sind dicht. Die gemessene Strahlung beträgt 400 bis 500 Mikrowatt pro Quadratmeter“, sagte er. Der Experte riet, sich nicht davorzustellen und im Idealfall den Raum zu verlassen.

Weise und Schuberth wiesen darauf hin, dass immer mehr Strom- und Wasserzähler auf Funkbetrieb umgestellt würden. „Eine Verpflichtung dazu gibt es noch nicht, da wir es derzeit noch mit einer Kann-Vorschrift zu tun haben“, informierte Schuberth. Als „hässliche Geschichte“ kanzelte Weise die Funkrauchmelder ab, die in immer mehr Mehrfamilienhäusern, Altenheimen und Krankenhäusern eingebaut würden.

Anhand der eingangs erwähnten Messung hatte der Experte verdeutlicht, dass bei Handys die Strahlenbelastung zunehme, je näher man sich am Gerät befinde. „Benutzen Sie, um sich zu schützen, ein Headset oder einen Lautsprecher“, riet er den Zuhörern.