14.07.2013 18:49 Uhr, Altenkunstadt, Burgkunstadt, Weismain

Von Müllern, Schustern und Braumeistern

Das Handwerk, der Handel und die Industrie von Altenkunstadt standen im Mittelpunkt des kulturhistorischen Rundganges „Zwischen Porzliina und Schuh-Buudn“, zu dem die Interessengemeinschaft Synagoge und der Kulturverein gemeinsam eingeladen hatten. Josef Motschmann und Otto Schuhmann konzentrierten sich dabei auf den Beginn der Industrialisierung in Altenkunstadt.

Das Handwerk, der Handel und die Industrie von Altenkunstadt standen im Mittelpunkt des kulturhistorischen Rundganges „Zwischen Porzliina und Schuh-Buudn“, zu dem die Interessengemeinschaft Synagoge und der Kulturverein gemeinsam eingeladen hatten. Josef Motschmann und Otto Schuhmann konzentrierten sich dabei auf den Beginn der Industrialisierung in Altenkunstadt.

Josef Motschmann wies einleitend darauf hin, dass Altenkunstadt einer der ältesten Orte am Obermain sei. Dabei sei die Gemeinde beiliebe nicht nur ein Bauerndorf gewesen, was die historischen Urhöfe belegen, sondern ein vielfältig strukturierter Ort.

Zunächst fanden sich die Geschichtsfreunde in der Langheimer Straße bei der Porzellanfabrik Nehmzow zusammen, wo Motschmann auf die Bedeutung der Mühlen für Altenkunstadt verwies, als da waren die Rohrmühle (früher bei Röhrig und schon 1180 erwähnt), die Kienmühle, die Steffelmühle und Mönchmühle, später Neumühle, sowie die Mühle bei den Badstuben. Alle lagen an dem vier Kilometer langen Mühlbach (Kastenwasser genannt), als Altenkunstadt zum Herrschaftsbereich von Klosterlangheim gehörte. In diesen Einrichtungen wurde nicht nur das Korn gemahlen, so Motschmann, sondern sie waren auch Säge-, Schneid, Loh- und Walkmühlen.

„Viele Handwerksleut und Händler“

Schon 1488 sind in den historischen Überlieferungen „viele Handwerksleut und Händler“ erwähnt. Als die Bahnlinie von Lindau nach Hof in Betrieb genommen wurde, begann die wirtschaftliche Entwicklung so richtig. Denn es gab nicht nur viele Händler sondern bald auch eine Spinnerei sowie eine Tuch- und Holzwollefabrik.

1852 hatte Leopold Hofmann in der Steffelmühle eine Spinn- und Tuchfabriken errichtet. Von den Erben der Eheleute Hofmann ging die „Wollspinnerey und Färberwerkstätte“, wie sie 1883 bezeichnet wurde, an den Selber Fabrikaten Silbermann, der 1913 seinen Firmensitz nach Altenkunstadt verlegte.

1919 gründeten sechs Gesellschafter die „Porzellanfabrik Rothemund & Co. zu Altenkunstadt“, die schon im Folgejahr in Betrieb ging. Mitte der 1920er Jahre verzeichnete das Unternehmen bereits eine erfreuliche Auftragslage; seine Produkte gingen sogar bis nach London, New York, New Orleans, Kairo und Malta. Im Frühjahr 1933 übernahm Karl Nehmzow aus Altona, bis dahin leitender Direktor der Porzellanfabrik Julius Griesbach in Hochstadt, die Porzellanfabrik. Neben Keksdosen, Rasierschalen und Sand-Seife-Soda-Behältern wurde die Angebotspalette um kunstgewerbliche Gegenstände und Geschenkartikel erweitert, wenngleich der Zweite Weltkrieg die wirtschaftliche Entwicklung erheblich beeinträchtigte. Die Porzellanfabrik führte die Familie Irmgard und Hartmut Nehmzow fort, wobei sie vor allem mit Bierkrügen, Tellern und vor allem historischen Stichen und alten Städtebildern, mit denen ihr Porzellan kunstvoll versehen wurde, viele Abnehmer fanden.

Die „Bräupfanne“ gestohlen

Vorbei an der Neumühle führte der Weg die Geschichtsfreunde zum Familienbrauhaus Leikeim. Die Tatsache, dass in Altenkunstadt zwar ebenfalls Bier gebraut wurde, aber nur die Städte Burgkunstadt und Weismain es verkaufen durften, sorgte im 17. Jahrhundert für einen „Bierkrieg“. 1681 fielen die Weismainer im Gutshof von Prügel ein und nahmen die „Bräupfanne“ mit.

Bis 1802 war das Bierbrauen eine „öffentliche Angelegenheit“, bevor die ersten Privatbrauereien entstanden. 1880 zog der Metzgermeister Johann Leikeim aus Burgstall nach Altenkunstadt, heiratete hier die Witwe Apollonia Fischer, geborene Gückel, und erwarb das Anwesen des Sattlermeisters Förtsch. Von Braumeister Johann Krappmann in die „Geheimnisse“ der Braukunst eingeweiht, baute er 1887 das erste Brauhaus und 1892 eine Mälzerei, und fortan gab es auch in Altenkunstadt einen Brauer. Andreas Leikeim war von 1933 bis 1945 Erster Bürgermeister in Altenkunstadt. An dieser Stelle merkte Motschmann an, dass es früher noch eine weitere Braustätte, die Brauerei Schramm in der Theodor-Heuss-Straße, gab.

Ein kurzer Abstecher führte in die Rechtsanwalt Kraus-Straße zu altehrwürdigen Bürgerhäusern, in denen früher auch viele jüdische Händler lebten (1837 verzeichneten die Statistik 400 jüdische Mitbürger). An manchem der Häuser ist noch zu erkennen, wo die Mesusa angebracht war. Weiter ging's, vorbei an der Grießingermühle und dem Gasthaus der Witwe Münch (heute „Zum Preußla“), in Richtung Mainbrücke. Motschmann erinnerte an das Langenbach-(Wachter-)Haus, das hier stand und in dem eine Tuchfabrik untergebracht war.

Otto Schuhmann übernahm die Führung, als es um die Schuhindustrie ging, die er als gebürtiger Burgkunstadter bestens kennt. Am 1. Januar 1888 gründete Joseph Weiermann, Sohn eines Baumwollwebers, die erste mechanische Schuhfabrik in der Neustraße (heute Lichtenfelser Straße) im heutigen Hotel „Drei Kronen“; im nahe liegenden Fischwerberhaus waren ebenfalls Schuster tätig. Später wurden Räumlichkeiten im ehemaligen Bekleidungshaus Nürnberger (heute Farben Beck) und in den Elbelschen Gebäuden genutzt. Da Weiermann Erfolg hatte, ließ die Konkurrenz nicht lange auf sich warten. Es folgten Neugründungen wie Carl Iglauer (1893), Astheimer & Riexinger (1898) und Pretzfelder & Püls (1902). 1898 zog Weiermann in die neu aus Backsteinen errichtete Fabrik in die Bahnhofsstraße um.

Nach Altenkunstadt ausgewichen

Eigentlich wollte Max Pretzfelder, der sich zwischenzeitlich von Hans Püls getrennt hatte, im Schwarzen Graben von Burgkunstadt einen „Neuanfang“ wagen, doch machten einige Persönlichkeiten ihren Einfluss geltend. Da Pretzfelder von der jüdischen Familie Levor (Altenkunstadt/Bayreuth) finanzielle Unterstützung erhielt, konnte er in Altenkunstadt eine Schuhfabrik errichten, die unter dem Namen Pretzfelder & Riexinger 1912 mit der Produktion begann; nach den Kriegsjahren führte die Familie Kreuch diese Schuhfabrik fort.

„Die Blecha“

Nicht weit von diesem Gebäude, das heute Wohnhaus ist, befindet sich das Bauwerk von BMF, ein Ursprung der Industrialisierung von Altenkunstadt. 1907 wurde im Mainbrückenbereich die Schuhfabrik Wachter & Herte gegründet, die nur sieben Jahre später von der Metall- und Bronze-Industrie GmbH mit Sitz in Nürnberg übernommen wurde. Nachdem ein Aluminium-Walzwerk eingerichtet worden war, hatte dieser Betrieb bald auch seinen Namen weg: Er wurde „die Blecha“ genannt.

Danach kam die Familie Deppmeyer aus Solingen nach Altenkunstadt und begründete hier ihre Besteckwarenfabrik BMF (Bergische Metallwarenfabrik), die in den Folgejahren von Lotte und Dr. Vogt fortgeführt wurde und sich danach zeitweise in den Händen eines Iranischen Geschäftsmannes befand. Heute ist in dem Areal, allerdings in einem kleineren Rahmen, noch ein Vertrieb von Besteckwaren und Kochtöpfen, der von Geschäftsführer Paul Graf geleitet wird. In der Glanzzeit, so Schuhmann, waren in diesem Unternehmen rund 400 Beschäftigte tätig. Auf dem Firmenareal befanden sich früher die Leikeim-Säle.

Quelle: obermain.de
Autor: Von unserem Mitarbeiter Dieter Radziej
Artikel: http://www.www.obermain.de/lokal/altenkunstadt-burgkunstadt-weismain/art2415,58242
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