publiziert: 30.09.2014 18:54 Uhr
aktualisiert: 30.09.2014 18:54 Uhr
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Einblick ins jüdische Alltagsleben

Dachbodenfunde erzählen Geschichte – Erweiterte Ausstellung in Synagoge in Museumsnacht offen
  • Geschichte erleben: Die erweiterte Ausstellung zum jüdischen Leben am Obermain erläuterte (v. li.) Inge Goebel, stellvertretende Vorsitzende der Interessengemeinschaft Synagoge, bei der Eröffnung Bürgermeister Robert Hümmer, Dr. Otto Lohr von der Landesstelle für nichtstaatliche Museen, Vorsitzendem Josef Motschmann von der Interessengemeinschaft und stellvertretendem Landrat Helmut Fischer. 
    Foto: Gerhard Herrmann
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„Unsere Religion gebietet ausdrücklich, unseren Feinden Gutes zu tun und ihnen beizustehen ...“, hat Hugo Mack, Werktags-Schüler der 3. Klasse 1852 in sein Schönschreibheft eingetragen. Akkurat reiht sich ein Buchstabe in gestochener Rundschrift an den anderen. Stockflecken und zahlreiche Knicke im Papier verraten, wie alt es ist. Dieses Zeugnis aus dem Alltagsleben der jüdischen Gemeinde Altenkunstadt, zeigt die Erweiterung der Dauerausstellung in der ehemaligen Synagoge in Altenkunstadt.

Die Ausstellung, die erstmals während der landkreisweiten Museumsnacht am Donnerstag, 2. Oktober, von 19 bis 24 Uhr zu sehen sein wird, wurde am Dienstagnachmittag bei einer Feierstunde eröffnet. Das Motto der Museumsnacht „Alt und neu“ passe trefflich zur Ausstellung, die sogenannte Genisa-Funde zeigt, religiöse Gegenstände und Dokumente, die die Juden früher nicht weggeworfen, sondern auf dem Dachboden der Synagoge aufbewahrt haben, erklärte Inge Goebel, stellvertretende Vorsitzende der Interessengemeinschaft Synagoge. Fast zwei Jahre lang hat sie an der Ausstellung gearbeitet, nachdem die Funde, die in den 1990-er Jahren bei der Renovierung der Synagoge entdeckt worden waren, endlich wissenschaftlich aufgearbeitet wurden.

„Die Juden haben als Hausierer, Großhändler, Handwerker oder Viehhändler und später vor allem als Unternehmer zum wirtschaftlichen Leben der Obermain-Region Beachtliches beigetragen“
Inge Goebel Interessengemeinschaft Synagoge

Gerade die Alltagsgegenstände, die auf dem Dachboden nicht nur die Gräuel der Nazi-Diktatur, sondern auch den modernen Wegwerf-Wahn überdauert haben, macht die Ausstellung in der Synagoge so wertvoll. Sie gibt damit ein Bild des Lebens in einer jüdischen Landgemeinde der vergangenen 300 Jahren und vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die jüdische Bevölkerung am Obermain am größten war.

So wurden neben 117 Büchern und Buchfragmenten auch 73 Verwaltungsvorgänge und 62 Handelsrechnungen überliefert, die ein Bild der jüdischen Selbstverwaltung und des Schulwesens geben. Ein Glücksfall sind die Handelsrechnungen: „Die Juden haben als Hausierer, Großhändler, Handwerker oder Viehhändler und später vor allem als Unternehmer zum wirtschaftlichen Leben der Obermain-Region Beachtliches beigetragen“, so Inge Goebel. So habe der jüdische Tuchscherer Leopold Hofmann bereits 1854 mit der Gründung einer Spinnerei und Tuchfabrik in der Wiesenmühle die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufschwung in Altenkunstadt gelegt. „Auch die Christen profitierten in hohem Maße von den Veränderungen“, betonte Inge Goebel. Sie verwies darauf, dass etwa die Freiwillige Feuerwehr vom jüdischen Lehrer Moses Vogel 1872 gegründet wurde und Juden regelmäßig als Gemeindebevollmächtigte gewählt wurden – Zeichen für gutnachbarschaftliches Miteinander.

Kartenspiel von 1650 und Schulhefte

Ein fast 400 Jahre altes Kartenspiel – das wohl jüdische Händler einst zum Zeitvertreib während ihrer Reisen benutzt haben könnten und daher zusammen mit einer Übersicht über Handelsleute präsentiert wird, hat sich auf dem Dachboden ebenso gefunden, wie eine mit Tieren bebilderte Fibel zum Schreibenlernen. Nur das Private komme etwas zu kurz – lediglich zwei Briefe künden von der Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert und vom Brauch den Eltern zu Neujahr zu gratulieren.

Angesichts von 399 Funden fiel die Auswahl, was auf der begrenzten Fläche ausgestellt werden soll, schwer. Sie ist gelungen, wie die Besucher bei einem Rundgang lobten. Nicht nur die geschickte Präsentation einzelner Stücke, die Geschichte erzählen (ein Infanteriehelm aus dem Haus Mack-Seligsberg etwa vom Militärdienst), sondern auch Vergleiche einiger Stücke im Zustand vor und nach der Restaurierung sorgen für Anschaulichkeit.

Josef Motschmann, der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Synagoge, dankte Inge Goebel dafür ebenso wie Bürgermeister Robert Hümmer, der feststellte, dass die jüdische und christliche Gemeinde nicht nur viele Vorschriften, sondern auch die Geldprobleme gemeinsam gehabt hätten. „Du hast nicht nur etwas für die jüdische Geschichte geschaffen, sondern auch für die Ortsgeschichte“, betonte Motschmann.

Von unserem Redaktionsmitglied Gerhard Herrmann
    
    

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